Praxis und Seminarhaus

Hof zur Kirschblüte

Dorfstrasse 26
4574 Lüsslingen

 

 

 

Vom Heilungspotential ekstatischer Zustände im Prozess der Psycholytischen Psychotherapie

 

Erfahrungen aus der Praxis des psycholytisch orientierten Psychotherapeuten

 

 

Vortrag am 1. Internationalen Kongress über ekstatische Zustände

vom 23. – 25. Mai 2008 an der Medizinischen Hochschule Hannover

 

von Dr.med. P. Samuel Widmer Nicolet

 

 

Mit grossem Interesse verfolge ich seit Jahren die Forschungen der theoretischen Physik – ein Fachgebiet, dem zuzuwenden mich auch sehr gereizt hätte, bevor ich mich dann entschied, mich doch lieber der Bewusstseinsforschung zu widmen. Insbesondere interessierte mich immer die Suche einer reduktionistischen Forschung nach der so genannten Weltformel, also die Suche nach letzten Ursachen der Dinge beziehungsweise einer einzigen ultimativen Wahrheit, die unser ganzes Sein erklären beziehungsweise in einer Formel – der Weltformel eben – zusammenfassen könnte. Und ich war immer äusserst dankbar dafür, dass es in diesem Wissenschaftsbereich ab und zu einen Menschen gab, der die Neigung hatte, ein populär-wissenschaftliches Werk zu verfassen, um mich an den neuesten Entdeckungen dieses Wissenszweiges Anteil haben zu lassen, und zwar in einer Weise, die mich, ohne Experte zu sein, diese äusserst komplizierten Vorgänge einigermassen verstehen liess. Dabei war ich immer überzeugt, dass dieses Unternehmen letztlich nicht gelingen könne, und spasseshalber zog ich für meine Patienten gelegentlich die Parallele zum Prozess der Bewusstseinserforschung, in dem ich mit ihnen stand, und behauptete, dass wenn überhaupt eine Weltformel, also eine Lösung für alles, je gefunden werden könne, dies allenfalls im Inneren des Einzelnen, in der Tiefenforschung der Selbsterkenntnis stattfinden sei. Die tiefen, meditativen Zustände, die in diesem Prozess bei ernsthaftem Bemühen schliesslich erfahren werden, offenbaren ja bekanntermassen eine innere Ruhe und Gelassenheit, ein Gefühl des Friedens und der Anteilnahme an, ja des Einsseins mit allem, das einem leicht als die Lösung für alle menschlichen Probleme erscheinen mag beziehungsweise aus dem heraus sie für jedes Problem schnell und leicht gefunden wird.

Kürzlich ist mir nun ein Buch von Robert B. Laughlin, einem Nobelpreisträger für Physik, in die Hände geraten. Knapp konnte ich den Ausführungen dieses Mannes, der sich wiederum bemüht, die äusserst komplexen, neuesten Entwicklungen seines Fachgebietes dem Laien zugänglich zu machen, noch folgen. Sein Buch trägt in der deutschen Ausgabe den Titel: Abschied von der Weltformel. Er plädiert darin für die Zurkenntnisnahme eines neuen Zeitalters der Forschung, das angebrochen sei, das Zeitalter der Emergenz. Er ist überzeugt, dass wir, ich zitiere, „nicht in der Endzeit der Entdeckungen (leben), sondern am Ende des Reduktionismus, einer Zeit, in der die falsche Ideologie von der menschlichen Herrschaft über alle Dinge mittels mikroskopischer Ansätze durch die Ereignisse und die Vernunft hinweggefegt wird (S.320-21)“. „Weil unsere Messungen (heute) so genau sind, können wir mit Überzeugung erklären, dass die Suche nach einer ultimativen Wahrheit an ihr Ende gelangt, gleichzeitig aber gescheitert ist (S.304)“, meint er, oder „dass die Wissenschaft mittlerweile von einem Zeitalter des Reduktionismus in ein Zeitalter der Emergenz übergegangen ist, eine Ära, in der die Suche nach letzten Ursachen der Dinge sich vom Verhalten der Teile auf das Verhalten des Kollektivs verlagert (S.303)“. Er sieht, „eine Veränderung der Weltsicht kommen, in deren Verlauf das Ziel, die Natur durch Zerlegung in immer kleinere Teile zu verstehen, durch das Ziel ersetzt (werden) wird, dass man versteht, wie die Natur sich selbst organisiert (S.122)“. Emergenz definiert er als „stabile Unvermeidbarkeit in der Art, wie bestimmte Dinge existieren“, als „Unvorhersagbarkeit in dem Sinn, dass kleine Ereignisse grosse und qualitative Veränderungen bei grösseren Vorgängen verursachen“, als „die grundsätzliche Unmöglichkeit der Kontrolle“, als „ein Naturgesetz bezüglich der Selbstorganisation des Universums, dem wir Menschen unterworfen sind (S.293-94)“. Und er fragt „welches der Gesetze das ultimativere ist – die Details, aus denen alles hervorgeht oder das transzendierende emergente Gesetz, das sie hervorbringen (S.303).

 

Sie fragen sich nun vielleicht, was diese Ausführungen denn mit unserem Thema hier, den ekstatischen Zuständen, gemein habe.

Nun, Sie erinnern sich vielleicht noch an die Zeit in ihrer Jugend, als Sie sich in Vorbereitung auf eine wissenschaftliche Laufbahn in wahrscheinlich ganz anderen Bereichen trotzdem mit Mathematik und Physik beschäftigen durften (oder mussten). Dabei haben Sie möglicherweise die Erfahrung gemacht, dass, die Lösung eines mathematischen Problems nach langem Ringen zu finden, durchaus einer ekstatischen Erfahrung gleichkommt. Und wenn Sie wie ich Interesse an grenzüberschreitender Wissenschaft gehabt und daher die Forschungen in diesen Bereichen im Auge behalten haben, ist Ihnen die Qualität eines Peak-Erlebnisses im Gehirn eines entdeckenden Wissenschaftlers beziehungsweise über die Anteilnahme an seinem Forscherglück auch in Ihrem eigenen Gehirn bestimmt nicht fremd. Diese Art von Gipfelerfahrung – die glückbeseelte Entspannung nach einer intensiven Arbeit und Anstrengung, wenn die Lösung gefunden ist, ist dem, was wir zum Beispiel aus der psycholytischen Bewusstseinsforschung als ekstatischen Zustand kennen, sehr ähnlich. Ob dieser Zustand nun mit Hilfe der psycholytischen Mittel oder auf anderem Weg (Trancetechniken wie Holotropes Atmen oder Sufitanzen zum Beispiel, spontan auch oder dann durch meditative Praktiken) gefunden wurde, ist dabei zweitrangig. Aber jeder, der solche Erlebnisse kennt, weiss wie befreiend und heilend sie sich auf unser ganzes Leben auswirken können.

 

Von 1986 – 1993 hatten wir in der Schweiz eine ganz spezielle und einmalige Möglichkeit. Nach einigen Kämpfen konnten wir – ein paar Psychiater und Psychotherapeuten – durchsetzen, dass uns trotz der damals wie heute allgemein vorherrschenden politischen Situation und der dahinter stehenden öffentlichen Meinung bezüglich Drogen eine Bewilligung erteilt wurde, gewisse „Drogen“, nämlich MDMA (bekannter als Ecstasy) und LSD völlig frei in der Psychotherapie in unseren Praxen bei unseren Patienten als Unterstützung für den psychotherapeutischen Prozess einzusetzen. Zurückblickend muss man diese Tatsache als Wunder einstufen, das sich heute niemand mehr so richtig erklären kann. Eine weltweit einzigartige Situation, von der wir für einige Jahre profitieren konnten. Wir hatten dazu die SÄPT, die Schweizerische Ärztegesellschaft für Psycholytische Psychotherapie und den ECBS, das Europäische Collegium für Bewusstseinsstudien, begründet.

Sie wissen, wie schwierig es manchmal sein kann, wahrhaftige Forschung, auf welchem Gebiet auch immer, trotz der Vorurteile des jeweils herrschenden Paradigmas voranzutreiben. Ich fand es direkt tröstlich, beim Nobelpreisträger Robert B. Laughlin zu lesen, dass dies auch auf einem so abstrakten Gebiet wie der theoretischen Physik nicht anders ist, dass auch dort oft Geld- und Machtpolitik oder persönliche Intrigen und Voreingenommenheiten das Feld beherrschen und das Voranschreiten eines frei forschenden Geistes, wenn auch nicht verhindern, so doch beschränken können. Wenn er davon erzählt, dass die grundlegendste Schwierigkeit bei aller Forschung darin bestehe, jemanden von einer Wahrheit zu überzeugen, die ihn etwas kosten werde und dass man sich mit Wahrheiten ohnehin wenig beliebt machen könne, dass es aber „(besser sei), Kurs zu halten und gehasst zu werden, als ein beliebter Feigling zu sein (S.231)“, sehe ich, dass ich auch in diesem so exakten Wissenszweig, mit dem ich doch immer mal wieder geliebäugelt habe, wenn mir die Angriffe, denen ich im Bereich der Bewusstseinsforschung ausgesetzt war, zu unerträglich schienen, mit ähnlichen Schwierigkeiten hätte rechnen müssen.

Auf jeden Fall wurden uns nach dieser wunderbaren Blütezeit 1993 die Bewilligungen für unsere psycholytische Arbeit aus politischen Gründen wieder aberkannt. Trotzdem hatten wir diese grossartige Gelegenheit, einige Jahre intensive Erfahrungen sammeln und Forschung betreiben zu können. Die Ergebnisse dieser Arbeit wurden in verschiedenen katamnestischen Studien zusammengefasst, die alle meine Aussagen, die ich heute machen werde, untermauern.

1989 legte Ernst Benz an der Universität Zürich unter Professor Christian Scharfetter eine erste Erhebung als medizinische Dissertation vor. Peter Gasser zeigte in seiner Arbeit an der Kantonalen Psychiatrischen Klinik Solothurn 1994 die Psycholytische Psychotherapie aus der Sicht des Patienten auf. Darauf folgte Roland Abegglen 1996 unter Professor Daniel Hell mit einer Lizenziatsarbeit in Psychologie ebenfalls an der Universität Zürich. Er wertete unsere Arbeit bezüglich der Ausbildung von Psycholysetherapeuten aus und legte damit ein überaus interessantes Buch über die Psycholytische Psychotherapie überhaupt vor. 2005 folgte als letzter, ebenfalls mit einer hoch interessanten und umfangreichen Recherche Florian Gastell, der an der Universität Hamburg unter Professor Inghard Langer in Psychologie promovierte, mit einer Auswertung der bei uns durchgeführten psycholytischen Gruppentherapie. Eine weitere Erhebung durch einen österreichischen Arzt, der ebenfalls eine Ausbildungsgruppe begleitet hatte, steht noch aus. Im Rahmen der SÄPT hatte ich damals in Absprache mit dem BAG (Bundesamt für Gesundheitswesen) die Ausbildung von Psycholysetherapeuten, die sich für eine Bewilligung bewerben wollten, übernommen.

Auch in den Jahren nach 1993 ging unsere Arbeit, allerdings unter erschwerten Bedingungen, weiter. Mit den zuständigen Behörden konnten wir aushandeln, dass ja nicht die Psycholytische Psychotherapie an sich in Frage gestellt ist, sondern nur die leider durch den Missbrauch in der Drogenszene verfemten Substanzen wie LSD und MDMA. Mit registrierten Medikamenten wie etwa dem Narkosemittel Ketalar (in Deutschland Ketamin) oder dem Asthmamittel Ephedrin, die ähnliche, wenn auch leider etwas weniger präzise Ergebnisse liefern, durften wir also weiter therapeutisch arbeiten und praktische Forschung betreiben.

Die neuesten Entwicklungen deuten auf eine allmählich zunehmende Öffnung in diesen Fragen hin. Zwei der jungen Kollegen, die ich damals im Auftrag der SÄPT und des BAG im Hinblick auf eventuelle spätere Bewilligungen ausbilden konnte, Dr. Peter Gasser und Dr. Peter Oehen, die beide, wie ich auch, in Solothurn, im Schweizer Mittelland eine psychiatrische und psychotherapeutische Praxis betreiben, haben kürzlich die Erlaubnis bekommen, je eine kleine, streng kontrollierte Studie mit MDMA beziehungsweise LSD durchzuführen, um zu beweisen, dass der Himmel blau ist, um es so auszudrücken, beziehungsweise dass psycholytische Hilfsmittel oder vielmehr die ekstatischen Zustände, welche sie dem Patienten bringen, ein grosses Heilpotenzial beinhalten. Dies wissen wir natürlich schon lange, haben aber wie die Forscher aller Zeiten immer wieder in Demut zu akzeptieren, dass es manchmal unumgänglich wird, etwas längst Bekanntes, dass zum Beispiel eben der Himmel blau ist oder dass der Reduktionismus uns nicht den Schlüssel zu den letzten Geheimnissen in die Hand geben wird und ein Zeitalter der Emergenz ansteht, einer in Vorurteilen gefangenen Menschheit bewiesen werden muss, damit die Ergründung der Wirklichkeit, das Ziel aller wissenschaftlichen Forschung, wieder weitergehen kann. Dafür bin ich diesen jüngeren Kollegen auch äusserst dankbar, und ich hoffe, dass sie mit ihrer mühsamen Arbeit einen Grundstein dafür legen können, dass Heilmittel wie LSD, MDMA und viele andere (Meskalin, Psylocybin, DMT etc.) schliesslich wieder (oder auch erstmals) als offizielle Medikamente vom Psychiater verschrieben werden können.

 

Die Teilchenphysik beziehungsweise der Weg des Reduktionismus haben uns viele technische Fortschritte gebracht und unser Verständnis von der innersten Natur der Materie, der Dinge enorm gefördert. Eine ultimative Wahrheit oder Gesetzmässigkeit haben wir dabei nicht gefunden. Im Gegenteil hat sich gezeigt, dass ein Vordringen ins Allerinnerste der Materie schliesslich dazu führt, dass uns alles, war wir für fest hielten, zwischen den Fingern zerrinnt, wenn wir nur möglichst genau hinschauen. Am Ende finden wir im Allerinnersten des Äusseren, des Materiellen nichts als Energie, die sich unfassbar in Wellen ausbreitet und in nichts auflöst, und wir bleiben zurück nicht mit einer definitiven Antwort, sondern mit neuen Fragen und stehen einmal mehr ehrfurchtsvoll vor dem unergründlichen Wunder und Mysterium des Seins. Dass wir mit dem Reduktionismus nicht mehr weiterkommen, meint der Physiker Robert B. Laughlin, heisst nicht „dass Gesetzmässigkeit im mikroskopischen Bereich falsch sei oder keinen Zweck habe, sondern nur dass sie in einer Vielzahl von Umständen durch ihre Kinder und Kindeskinder, die höheren Ordnungsgesetze der Welt, belanglos geworden ist (S.321)“.

Genauso geht es uns auch als Bewusstseinsforscher bei der Erforschung des Allerinnersten in unseren inneren Welten. Der reduktionistische Weg über die Erforschung des Gehirns und seiner Botenstoffe wird uns zwar noch einiges an zusätzlichem Begreifen bringen können, ein ultimatives Verstehen, eine Weltformel aber nicht.

Finden wir diese tatsächlich in den ekstatischen Zuständen selbst, unbeweisbar, unbelegbar, in einem rein individuellen Erfahren? So dass auch die Forschung im Bewusstseinsbereich schliesslich wird haltmachen müssen vor allem Lebendigen und wird anerkennen müssen, dass das Leben ein Rätsel bleiben muss und wird? Werden wir letztlich trotz allen Wissens, das wir anhäufen konnten, eingestehen müssen, dass wir nie werden erklären können, wie so einfache Dinge, dass Kinder lesen lernen (sie tun es einfach) oder dass Bienenvölker keine Führung kennen (sie organisieren sich einfach selbst), zustande kommen? Werden wir anerkennen müssen „dass die Parallelen zwischen der Ordnung eines Lebens“, wie unser Nobelpreisträger es ausdrückt, „und der Ordnung von Elektronen kein Zufall und keine Wahnvorstellung, sondern Physik (sind) (S.294)“? Müssen wir eingestehen, dass wir durch die Zerlegung der Natur in immer kleinere Teile zwar viel gelernt, aber noch keine Ahnung davon haben, wie die Natur sich selbst organisiert?

 

Was hat uns denn nun die psycholytische Forschung über die ekstatischen Zustände gelehrt, was uns helfen würde, die obigen Fragen zu beantworten?

Nun, wie Robert B. Laughlin habe auch ich den Weg gewählt, unsere Ergebnisse vor allem in populär-wissenschaftlichen Werken niederzulegen. Ich bin in erster Linie Therapeut und nicht Wissenschaftler, und meine Arbeit soll der Heilung meiner Patienten dienen. In einer ganzen Reihe (inzwischen sind es fünfundzwanzig) von Büchern habe ich die Ergebnisse und Einsichten für die mir Anvertrauten zusammengefasst. Es ist denn auch schwierig über Ekstase in Worten, die dem üblichen Anspruch an Wissenschaftlichkeit genügen sollen, zu reden. Leicht gerät man dabei ins Philosophische, wenn nicht gar ins Spekulative.

Dass Heilung aus dem Erleben ekstatischer Zustände kommt, haben die erwähnten Autoren der wissenschaftlichen Arbeiten, die um unser Wirken herum verfasst wurden, zur Genüge belegt. Diesbezüglich möchte ich nochmals auf diese katamnestischen Erhebungen verweisen. Was ich hier versuchen möchte, ist die Art der ekstatischen Zustände, die unsere Patienten erleben, zu beschreiben, um auf diesem Weg deutlicher zu machen, warum und in welcher Weise (aus therapeutischer Sicht) sie Heilung bringen.

 

Wenn ein Mensch uns mit einem durchschnittlich konditionierten Gehirn und in durchschnittlich verwirrter Geistes- und Gemütsverfassung aufsucht und wir ihm psycholytische Hilfsmittel verabreichen, um ihn im notwendigen Prozess der Selbsterkenntnis und inneren Klärung zu unterstützen, wird er Ekstase zuerst im Sinne eines Rausches erleben. Wir bringen damit die Festplatte seines Gehirn-Computers gewissermassen zur Explosion, so dass sein Bewusstsein mit sämtlichen gespeicherten Erfahrungen überflutet wird. Das ist natürlich ein gewaltiges, beeindruckendes und eben ekstatisches Geschehen, welches je nachdem in Schrecken oder Ergriffenheit ausarten kann. Diese Erfahrung allein wird zwar auch schon eine allenfalls heilende Schockwirkung haben, indem sie die innere Welt des Patienten anhält, ihn aufweckt in Richtung einer ganzheitlicheren Sichtweise, aber kaum eine grundsätzliche und nachhaltige Änderung in ihm, in seiner Wahrnehmung oder seinem Verhalten bewirken können.

Dazu braucht es zusätzlich einen ernsthaften Willen zur seriösen Selbsterforschung. Die Integration solcher Erlebnisse wird dadurch zu einer allmählichen Säuberung der mit ineffektiven Erfahrungsinhalten überladenen Festplatte beziehungsweise zur Entleerung des Gehirns führen. Jeder Mensch, der sich ernsthaft auf die Erfahrung der Meditation, der Selbsterkenntnis oder auch der Psychotherapie eingelassen hat, kennt diesen Prozess auch ohne die Hilfe psycholytischer Substanzen. Diese wirken lediglich als Katalysatoren und als Unterstützung in diesem Ablauf. Der Prozess führt schliesslich zum Erleben eines ganzheitlich wahrnehmenden Gehirns, das in seiner Qualität immer wieder ganz jung und frisch ist, seine ursprüngliche Unschuld immer wieder finden kann und deshalb fähig ist, alle auftauchenden Probleme, ungehindert durch Tradition, Moral und Vergangenheit, kreativ und intelligent zu lösen. Das Ende der Neurose also. (Dass unser Gehirn ein ganzes Leben lang lern- und damit auch umbaufähig bleibt bis hinunter auf die Zellebene, wusste der Mystiker schon immer. Die Hirnforscher haben im letzten Jahrzehnt dafür die Beweise erbracht, wie sie der Neurologe, Gerald Hüther, in eindrücklicher Weise, ebenfalls in populärwissenschaftlichen Werken für uns zusammenfasst.)

Dies ist die zweite Art ekstatischen Erlebens, die ein nun freier Geist erfahren kann: die Wahrnehmung aus einem stillen Gehirn, die Erfahrung von Einsicht und ursprünglicher, gewissermassen universeller Intelligenz. Auch ein solcher Zustand, diesmal Ekstase nicht als Rausch, sondern paradoxerweise im Sinne kompletter Nüchternheit, kann durch die psycholytischen Hilfsmittel gefördert oder herbeigeführt werden, wenn einmal die Voraussetzungen dafür geschaffen sind. Dies ist allerdings die Vorbedingung, denn wie Timothy Leary schon wusste: „Ein Schweinehirt sieht auch auf Trip nur Schweine.“ Denn dies muss ganz klar festgestellt werden: Bei mangelnder Ich-Entwicklung wird es auch bei der Einnahme psycholytischer Substanzen kaum zu einer bereichernden Erfahrung ozeanischer Selbstentgrenzung durch Ich-Transzendenz kommen, da das Ich noch gar nicht genug entwickelt ist, um transzendiert werden zu können. Eine angstvolle Ich-Auflösung ist in dieser Situation viel wahrscheinlicher, was bei mangelnder Integration zu einer pathologischen Regression (Psychose) führen kann. Sofern die Integration gelingt, kann allerdings auch ein solcher Bad-Trip, wie wir bereits beschrieben haben, zu einer wertvollen Erfahrung werden. Und auch hier sind wir natürlich keineswegs von diesen Katalysatoren abhängig, sie sind lediglich eine willkommene und äusserst geeignete Unterstützung für den, der in seiner Vernagelung Hilfe braucht. Dass die psycholytische Unterstützung in der Psychotherapie und Bewusstseinsforschung heute noch zurückgewiesen wird, kann man durchaus einem Irrtum der Menschheit gleichsetzen wie dem zur Zeit Galileo Galileis begangenen, als man dessen Erkenntnisse bezüglich Physik und Astronomie nicht anerkennen wollte. Stellen Sie sich vor, wo wir heute wären, wenn wir daran festgehalten hätten!

Damit ist die Reise ins Land der ekstatischen Zustände aber noch nicht zu Ende.

Jeder, der intensiv mit psycholytischen Hilfsmitteln an sich arbeitet, wird nach einer Weile den Eindruck nicht mehr los werden, dass er zwar an Lebensqualität gewinnt dadurch, dass sein Gehirn oft in einem friedvollen Zustand zu verweilen versteht, dass er dies aber auch mit einer zunehmenden Vergesslichkeit zu bezahlen hat. Dies hat aber (jedenfalls wenn seine Anwendungen in einem verantwortbaren, therapeutischen Rahmen geblieben sind) nicht damit zu tun, dass die Hilfsmittel sein Gehirn geschädigt hätten, wie er auf Grund der allgegenwärtigen Negativ-Propaganda vielleicht befürchtet, sondern damit, dass er zwar gelernt hat, seinen Computer wieder zu entleeren, wenn dieser zu voll gestopft ist mit unnötigen Inhalten, dass er nun aber noch lernen muss, ihn korrekt zu bedienen.

Durch den Prozess des Registrierens bildet sich unser Ego heraus. Das Gehirn registriert wahllos alles, vor allem auch psychologische Verletzung. Jeder von uns weiss, wie hinderlich dies werden kann, wenn alte Geschichten des Verletzt-Worden-Seins in uns hängen bleiben. Im Prozess der Selbsterkenntnis, unterstützt durch die psycholytischen Hilfsmittel lernen wir diese alten Geschichten zu verarbeiten, sie damit wirklich dem Vergessen zu übergeben und uns dadurch davon zu befreien. Zu Beginn führt dies aber dazu, dass wir meinen, das Registrieren überhaupt aufgeben zu müssen. Dies würde aber nicht zur Erleuchtung, sondern zur Verblödung führen. Ein nächster Schritt im Selbsterkenntnisprozess ist daher zu begreifen, dass wir die Macht haben, unseren Computer zu bedienen. Es gibt darin gewissermassen eine Taste, die gedrückt werden muss, wenn wir etwas erinnern sollen und wollen, die wir aber vermeiden können zu drücken, wenn es eben zum Beispiel um Verletzung und Schmeichelei geht. Und fragen Sie mich nicht, wie wir das machen. Wir machen es eben. Genauso wie die Bienen oder die Kinder. Es gehört zu diesen uns noch wenig begreiflichen Phänomenen der Emergenz, der Selbstorganisation des Lebens, genauso wie andere Tatsachen, zum Beispiel dass der Geist eines Menschen sich vom Erwachsenenalter bis ins hohe Alter ständig weiterentwickelt und weiterwächst oder dass Wasser bei einer bestimmten Temperatur in einen Eiswürfel auskristallisiert, Tatsachen, die auch (noch) niemand erklären kann.

Das Gehirn lernt also zu registrieren, was notwendig, was hilfreich, was lebenswichtig ist; alles andere wirft es gleich wieder raus, so dass es sich seine Unbelastetheit, seine jugendliche Frische bis ins hohe Alter erhalten kann (Zusammenhänge zur ursächlichen Erklärung der Altersdemenz herzustellen, überlasse ich Ihrer Phantasie). Dadurch, dass die Festplatte nicht ständig überlastet ist, bleibt die Kapazität des Gehirns für eine ganzheitliche, offene und unmittelbare Wahrnehmung erhalten oder wird immer wieder hergestellt. Dadurch ist das Gehirn, wenn es nicht intellektuell gefordert ist, still, es kennt inneren Raum oder Freiheit, das heisst einen Zustand, in dem es nicht ständig beschäftigt ist.

Dieser Zustand ist natürlich wieder dieser ekstatische Zustand der Stille, in dem sich das ganze Wesen jederzeit regenerieren kann dadurch, dass es sich der Tiefe allen Seins öffnet, dem Heiligen, dem Essenziellen, dem Mysterium, das allem innewohnt. Das Gehirn hat die Weltformel gefunden, den letztlich unfassbaren Hintergrund, in dem es ruhen und von dem aus es sein Leben bewältigen kann. Durch diesen Lernschritt, das Kennenlernen der Bedienungsanleitung unseres Computers im Prozess der Selbsterkenntnis, verschwindet das Problem der Vergesslichkeit wieder, und der Lernende wird nun fähig, frei zu flotieren zwischen Arbeitszuständen, in denen sein Computer arbeiten und registrieren muss, sowie stillen Ekstase-Momenten, in denen er lediglich wahrnimmt und ruht. Der Fortschritt an dieser Wegbiegung des Lernens besteht allerdings darin, dass diese Zustände nun nicht mehr nur als spontane Erleuchtungserfahrung auftauchen (als Satori, wie das auch genannt wird), sondern er beginnt darüber zu verfügen. Der Zustand der Befreiung (Moksha, Samadhi oder wie immer er bezeichnet wird) ist erreicht.

Gibt es also diese Weltformel, von der sich die Physik schweren Herzens verabschieden muss, zumindest für den Mystiker im Innern als innerer Zustand, als Lösung für alles doch, wie ich es spasseshalber zuweilen meinen Klienten erzähle? Oder müssen wir auch als Bewusstseinsforscher von dieser Idee Abstand nehmen?

 

Genauso wie die moderne Physik allmählich vom Reduktionismus zur Erforschung der Emergenz, der Ordnungsprinzipien des Lebens findet, wird auch der Bewusstseinsforscher nicht haltmachen können bei dieser Art der individuellen Ekstase oder Erleuchtung. Er hat das Allerinnerste in sich gefunden, freut sich daran, in ihm immer wieder Frieden und Nahrung zu finden, akzeptiert in Demut, dass er seine Natur nie voll und ganz verstehen kann, wendet sich aber von dort aus einer neuen Bewegung und Bestimmung zu, die ihn fortan noch viel mehr fesseln wird: der Erforschung unseres Zusammenlebens, der Frage, wie sich die Natur selber, wie sich Gemeinschaft aus sich selbst heraus organisiert. Auch auf ihn wartet noch das Phänomen der Emergenz. Würde er diesen Schritt nicht machen, könnte sein Wachstumsprozess nicht weitergehen.

Dabei wird er noch einen vierten ekstatischen Zustand entdecken, eine weitere Erleuchtung. Wir nennen sie das gemeinsame Herz, den gemeinsamen Geist, die Möglichkeit, gemeinsam eine neue Welt, eine neue Gesellschaft, frei von den Verkrustungen aller Vergangenheit und Tradition hervorzubringen. Eine neue Weltordnung, beruhend auf universellen Gesetzen, in der für alle gesorgt sein wird, in der wir endlich Frieden finden werden miteinander und in der wir befreit von allen Zwängen durch irgendwelche Macht- und Hierarchie-Ansprüche uns gemeinsam öffnen werden für eine einige Welt, eine globale Sicht und ein Leben, das sich selbst zu organisieren versteht. So findet denn auch der Bewusstseinsforscher die letzte Erfüllung nicht in seinen ekstatischen Zuständen, sondern im Zusammenwirken mit allem und allen, im Weiterwachsen und Forschen ohne je eine definitive Antwort zu haben, immer blühend in dem, was er nie ganz verstehen kann, im Mysterium unseres Seins.

Genau darin liegt allerdings Heilung, und genau darin findet sich auch immer wieder Verzückung, Erfüllung und Heil. Und so ist es denn wahr, dass es die Weltformel, die Lösung für alles im Innern gibt, und doch auch wieder nicht wahr. Es ist wahr, dass ein Individuum heil sein kann, ganz sein kann, sein Leben in Ordnung halten kann, mit allem in Frieden sein kann. Insofern gibt es diese Weltformel, diese Lösung für alles, und doch müssen wir genau an diesem Punkt unser reduktionistisches, unser individualistisches Denken aufgeben und einsehen, dass damit noch gar nichts gewonnen ist. Darum gibt es die Weltformel auch für den Bewusstseinsforscher nicht, auch im Innern nicht. Genauso wie in der Physik, an dem Punkt, wo sie greifbar nahe scheint, wird sichtbar, dass das Mysterium des Lebens uns nur genarrt hat und einfach ein neues Kapitel der Erkenntnis aufschlägt und wir wieder ganz am Anfang stehen.

Der Bewusstseinsforscher findet bei seiner Innenschau etwas, was wir Liebe, Stille, Intelligenz oder wie auch immer nennen mögen, eine unabhängige, universelle Kraft und absolute Wirklichkeit, die immerwährend still und wahrhaftig hinter aller Erscheinung steht. Und er erkennt, dass der Physiker unabhängig von ihm auf dasselbe gestossen ist. Dieser in Form von sich in nichts verflüchtigenden Elementarteilchen/wellen, er in Form eines innerlich als Ekstase erlebten Urgrunds. Er erkennt aber auch, dass diese Ekstase für sich keinen Wert hätte, wenn sie nicht eine Umsetzung im ganzen Leben erfahren würde. Eine Weltformel, eine Lösung für alles kann sie nicht sein, diese können wir zusammen allenfalls in der Zuwendung zu den noch unerforschten Gesetzen der Emergenz, die sich daraus erheben, den Gesetzen des Zusammenharmonisierens aller Dinge und Wesen schliesslich bewirken.

 

Robert B. Laughlin zitiert in seinem Buch Mark Aurel, der diese Entwicklungen offenbar schon zu seiner Zeit vorhergesehen hatte:

Die Welt ist ein einziges lebendiges Wesen, ein Weltstoff und eine Weltseele. In dieses Weltbewusstsein wird alles aufgenommen, so wie aus ihm alles hervorgeht, so jedoch, dass von den Einzelwesen eines des andern Mitursache ist und auch sonst die innigste Verknüpfung unter ihnen stattfindet (S.300).“

Im Augenblick sind wir noch gefangen in den Verstrickungen einer unverarbeiteten Vergangenheit, so dass wir noch nicht ganz für eine solche Sicht erwachen können. Die menschliche Gesellschaft in ihren Vorurteilen, Ideologien und Glaubenssätzen, welche wahrhaftige Forschung behindern wollen, die Physik (und vielleicht auch die Bewusstseinsforscher) im Festhalten am Reduktionismus, meine Patienten (und vielleicht auch wir) in einem Ich oder gar einer Neurose, festgefügt aus unzähligen Erinnerungen der Verletzung, von denen es sich nicht lösen will. Und doch, meint unser Nobelpreisträger, hat das Zeitalter der Emergenz ganz unmerklich schon begonnen. Und bis es sich durchgesetzt hat (und das wird bestimmt noch mehrere tausend Jahre dauern), empfiehlt es sich, sich mit Abbie Hoffmann, an das erste Gesetz, dem jeder Pionier zu gehorchen hat, zu halten (auch dies ein Zitat aus dem Buch: Abschied von der Weltformel): Erste Pflicht eines Revolutionärs ist es, ungestraft davonzukommen (S.260).

 

 

Literaturverzeichnis

 

Unsere psycholytische Arbeit wurde mehrmals wissenschaftlich beforscht. Die Ergebnisse können sich sehen lassen.

 

Ernst Benz

Halluzinogen-unterstützte Psychotherapie

Erhebung bei der Schweizerischen Ärztegesellschaft für Psycholytische Psychotherapie

Universität Zürich, Dissertation, Prof. Dr. med. C. Scharfetter, Zürich 1989

 

Peter Gasser

Die psycholytische Psychotherapie aus der Sicht der Patienten

Eine katamnestische Erhebung

Kantonale Psychiatrische Klinik Solothurn, Juli 1994

 

Roland Abegglen

Psycholytische Psychotherapie

Katamnestische Auswertung von Psycholyseprotokollen und Fragebogen von Ausbildungskandidaten mit Bezugnahme zu Ergebnissen aus der klinischen Literatur

Universität Zürich, Lizenziatsarbeit, Professor Dr. med. Daniel Hell und Dr. H.-M. Zöllner, Juni 1996

 

Florian Gastell

Bewusstseinsverändernde Substanzen als Hilfsmittel in der Psychotherapie

Gespräche mit Teilnehmenden einer psycholytischen Gruppentherapie

Universität Hamburg, Diplomarbeit Psychologie, Dr. Dorothee Wienand-Kranz und Prof. Dr. Inghard Langer, September 2005

 

Robert B. Laughlin

Abschied von der Weltformel

Die Neuerfindung der Physik

Piper Verlag, München 2007

 

Gerald Hüther

Biologie der Angst: Wie aus Stress Gefühle werden

Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1997

 

Gerald Hüther

Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn

Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001

 

Gerald Hüther

Die Evolution der Liebe

Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999

 

Samuel Widmer

Ins Herz der Dinge lauschen: Vom Erwachen der Liebe/ Über MDMA und LSD: Die unerwünschte Psychotherapie; Nachtschatten-Verlag, Solothurn 1989, 6. Auflage 2005

 

Samuel Widmer

Im Irrgarten der Lust: Abschied von der Abhängigkeit/ Die Geburt der Freude: Eine Liebesgeschichte; Editions Heuwinkel 1992, 2. Auflage 1997

 

Samuel Widmer

Stell dir vor, du wärst ein Stück Natur: Von der Lust am Verbotenen/ Humorvolle Betrachtungen eines Psychotherapeuten: Ein Buch für Männer, welches auch Frauen lesen dürfen, Band II; Editions Heuwinkel 1995

 

Samuel Widmer

Essenz schauen: Vom Ruhen im Urgrund des Seins/ Die Spiritualität beginnt im Becken: Ein Buch über Freundschaft und Esoterik; Basic Editions 1998

 

Samuel Widmer

Vom Allerinnersten; Basic Editions 2005

 

 


 

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