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Sex, Tabus und Transzendenz
DieMöglicheZeitung, Februar 2003
Samuel Widmer • Interview mit dem umstrittenen Psychiater, Psychotherapeuten und Buchautor
DieMöglicheZeitung: Wer sind Sie eigentlich, Samuel Widmer?
Samuel Widmer: Um das herauszufinden, müssten Sie mich kennen lernen, mein Leben, meine Arbeit, meine Bücher. Aber kurz zusammengefasst kann man sagen, dass ich ein Mensch bin, der seine Berufung gefunden hat und auch den Mut hat, sie zu leben.
DieMöglicheZeitung: Worin besteht denn diese Berufung?
Samuel Widmer: Wo immer ich hinkomme, wen immer ich treffe, ich scheine die einerseits sehr schöne und andererseits sehr undankbare Aufgabe zu haben, auf alles hinweisen zu müssen, was nicht wahr ist. Ich bin der Mensch, der überall und ununterbrochen in irgendeiner Weise aufzuzeigen hat, dass der Kaiser keine Kleider trägt, sondern nackt ist.
DieMöglicheZeitung: Um Ihre Tätigkeit als Buchautor und Psychotherapeut ist ja in letzter Zeit – und dies nicht zum ersten Mal – ein ziemlicher Rummel entstanden. Sie scheinen ziemlich umstritten zu sein. Die Presse greift Sie an, Ihre Kollegen distanzieren sich von Ihnen. Wie erklären Sie sich das?
Samuel Widmer: Nun, ich habe mich sehr eingehend und tiefschürfend mit verschiedenen Tabuthemen unserer Gesellschaft beschäftigt. Mit Tabus darf man sich nicht ungestraft auseinander setzen. Das ist unerwünscht. Aufdeckende Psychotherapie berührt schon seit jeher grundsätzlich solche Tabuthemen; insbesondere habe ich mich dann aber noch mit der Psycholytischen Psychotherapie, das heisst dem Einsatz von psychoaktiven Substanzen in der Psychotherapie, um unbewusstes Material dem Bewusstsein zugänglich zu machen, und mit den heissen Eisen, Sexualität, Beziehung und Inzesttabu beschäftigt.
DieMöglicheZeitung: Man behauptet von Ihnen, dass Sie Ihren Patienten Drogen verabreichten, dass Sie solche Behandlungen auch an Gesunden durchführten und dass Sie den Inzest und den therapeutischen Inzest befürworten würden. Ist das richtig?
Samuel Widmer: Wenn man sich mit Tabuthemen beschäftigt, wird man offenbar immer wieder falsch verstanden. Man zieht die Projektionen und Ängste anderer Menschen auf sich und gerät leicht in Teufels Küche. Diese Erfahrung musste ich auf jeden Fall machen. Bei der Anwendung der Psycholytischen Psychotherapie, welche übrigens in keiner Weise verboten ist - lediglich der Einsatz gewisser Medikamente ist untersagt -, verabreicht man tatsächlich psychoaktive Substanzen, welche helfen, verschüttete und verdrängte Erfahrungen zum Beispiel aus der Kindheit der Bearbeitung wieder zugänglich zu machen. Auch wenn diese Methode im Moment wegen der politischen Schwierigkeiten, mit denen sie sich konfrontiert sieht, nicht weit verbreitet ist, gehört sie trotzdem zu den erwiesenermassen erfolgreichsten psychotherapeutischen Methoden und ist in keiner Weise illegal. Sie ist auch, wie durch viele Forschungsarbeiten gerade kürzlich wieder belegt wurde, in keiner Weise schädlich. Ich führe diese Behandlungen seit vielen Jahren und im Einverständnis mit den zuständigen Behördestellen durch.
Vor Jahren (1986-93) hatte ich sogar eine Bewilligung vom BAG (Bundesamt für Gesundheitswesen), mit gewissen verbotenen Substanzen zu experimentieren. Diese Bewilligung wurde aus rein politischen Gründen wieder zurückgezogen.
Dass auch scheinbar Gesunde diese Erfahrung suchen, ist nicht mehr als natürlich. Es wäre direkt tragisch, wenn die sogenannt Gesunden zu einer derart potenten Möglichkeit, sich selbst zu ergründen, keinen Zugang hätten. Gesund sind diese Menschen allerdings nicht in einem absoluten Sinne - in diesem Sinne ist in unserer Welt wohl niemand wirklich gesund -, sondern in dem Sinne, dass das Ausmass ihres Leidens beziehungsweise ihr Bedürfnis nach Selbsterfahrung nicht als Krankheit beziehungsweise Behandlung im Sinne einer kassenpflichtigen Leistung gelten könnte.
Was den Vorwurf, ich würde zum Inzest und zum therapeutischen Inzest aufrufen, betrifft, kann ich mich nur wundern. Ich bin mir keinerlei solcher Tendenzen bewusst. Mit Erstaunen musste ich feststellen, dass sogar gewichtige Fachkollegen und Professoren meine Aussagen in diesem Sinne missverstehen. Ich kann mir dies nur dadurch erklären, dass Tabuthemen eben tabu sind und deshalb in den Köpfen der meisten Menschen sofort die wildesten Fantasien und Befürchtungen lostreten, wenn sie nur angesprochen werden.
DieMöglicheZeitung: Wie können Sie beweisen, dass das wahr ist, was Sie behaupten, dass Sie nicht einfach irgendetwas erzählen, um sich zu rechtfertigen?
Samuel Widmer: Ich kann es nicht beweisen. Ich muss auch nicht. Bis jetzt wurde ich noch nie vor einem Gericht oder einer Standeskommission angeklagt. Aber auch wenn dies eintreten sollte, müsste ein eventueller Ankläger seine Vorwürfe beweisen und nicht ich meine Unschuld. Wir leben in einem Rechtssystem, das von der Unschuldsvermutung ausgeht, obwohl man es nach den Erfahrungen, die ich gerade in den letzten Monaten wieder mit Fachschaften, Kollegen und den Medien gemacht habe, nicht glauben würde. Wenn jemand wirklich herausfinden will, wer ich bin, was ich treibe und was ich vertrete, wird er nicht darum herum kommen, mich kennen zu lernen, meine Bücher gründlich zu lesen, allenfalls auch meine Arbeit zu würdigen und mit mir in einen wissenschaftlichen Disput darüber zu treten. Die oberflächlichen Beurteilungen und die Vorverurteilungen, denen ich mich ausgesetzt sehe, werden bestimmt keine Klärung bringen. Sie entsprechen auch in keiner Weise einer angemessenen wissenschaftlichen Haltung, auch nicht, wenn sie durch ein Pseudogutachten eines ehemaligen Professors bestätigt werden.
DieMöglicheZeitung: Was steckt denn hinter diesen perfiden Angriffen auf Ihre Arbeit und Ihre Person, wie Sie sie offenbar verstehen? Irgendeinen Grund muss es doch haben, dass man Sie derart attackiert?
Samuel Widmer: Nun, wie ich bereits ausgeführt habe, folge ich in meinem Leben einer Berufung, die mich zwingt, unabhängig von irgendwelchen möglichen Konsequenzen, Vorteilen oder Nachteilen ehrlich die Dinge beim Namen zu nennen. In diesem Sinne verstehe ich mich als äusserst ernsthaften wissenschaftlichen, aber auch religiösen und philosophischen Geist und Forscher. Dass mich ein solches Vorgehen schnell mit Tabuthemen in Berührung bringt, ist abzusehen und unvermeidlich. Jeder, der Tabubereiche nicht vermeidet, wird sich damit in die Nesseln setzen. Das ist das eine, was ich als Hintergrund der Schwierigkeiten, in die ich geraten bin, beziehungsweise, in die man mich gebracht hat, sehe. Dies habe ich erst allmählich in meinem Leben begriffen. Ich habe es nicht gesucht. Es ist mir einfach passiert.
Einen zweiten Grund und vielleicht den wichtigeren sehe ich allerdings darin, dass die meisten Menschen vor allem aus Angst und Anpassung nicht ihrer Berufung folgen, sondern mehr oder weniger widerwillig einen Job ausüben, der ihnen aufgedrängt worden ist. Einer Berufung folgen zu dürfen, den Platz, der einem zugedacht ist im Leben, finden zu können, ist auch mit einem grossen Glück verbunden. Ein solches Leben ist reich, es blüht in jeder Beziehung. Dies weckt auch den Neid der anderen Menschen um einen herum, seien es nun Kollegen oder einfache Mitbürger, die vielleicht nicht den Mut hatten, für sich ein solches Leben zu wählen. Mit diesem Neid sehe ich mich immer wieder konfrontiert, dem Neid der Unglücklichen, der nicht dulden kann, dass ein anderer tut, was er will, dass er frei ist und glücklich. Man darf nicht anders sein. Neid und die Zerstörungswut dem Blühen, dem Anderssein anderer gegenüber scheint mir überhaupt eines der Hauptprobleme in den Schwierigkeiten, die Menschen miteinander haben, zu sein.
DieMöglicheZeitung: Sie haben das Gutachten von Professor Ernst erwähnt, das die SGP (Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie) offenbar über Ihr umstrittenes Buch „Von der unerlösten Liebe zwischen Vater und Tochter“ anfertigen liess.
Samuel Widmer: Ja, die kantonale Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie beziehungsweise ihr ehemaliger Präsident findet seit Jahren, meine Forschungstätigkeit schade dem Ansehen und dem Image der ärztlichen Psychotherapeuten. Neuerdings hat sich die Schweizerische Gesellschaft beziehungsweise ihr Präsident dieser Ansicht angeschlossen. Man versucht nun, über den Kantonsarzt und die zuständigen Stellen des FMH-Ärzteverbandes mir meine Praxisbewilligung strittig zu machen oder mir gar meine FMH-Legitimation zu entziehen. Das Gutachten ist überhaupt kein wissenschaftlicher Bericht, sondern einfach die Meinung eines zwar fachlich ausgewiesenen Kollegen, mit der den Bestrebungen Gewicht gegeben werden soll. Dem habe ich zwei Gegengutachten von ebenfalls fachlich sehr ausgewiesenen Kollegen gegenübergestellt, welche zu ganz anderen Schlüssen kommen. Es geht hier um das Aufeinandertreffen und die Konfrontation von zwei grundsätzlich verschiedenen Strömungen in der Psychotherapie beziehungsweise um grundverschiedene geistige Strömungen überhaupt, um ein altes und um ein neues Paradigma, welche nicht nur in der Psychotherapie, sondern in unserem ganzen geistigen Leben um die Vorherrschaft ringen.
DieMöglicheZeitung: Was ist denn das Besondere an Ihrer Philosophie, an Ihrer Lebensanschauung, an Ihrer Art der Psychotherapie und vielleicht auch in Ihrer Lebensweise, das die Gemüter erregt?
Samuel Widmer: Einfach ist es nicht, dies kurz zusammenzufassen. Sonst hätte ich ja nicht bereits fünfundzwanzig Bücher darüber schreiben müssen. Aber ich will es versuchen:
Im Prozess der Selbsterkenntnis mit mir selbst und in der Arbeit mit meinen Klienten musste ich erkennen, dass die allgegenwärtigen – und ich nehme an unbestrittenen – massivsten Probleme, die wir Menschen persönlich und kollektiv haben, damit zusammenhängen, dass unser Geist sich einer jahrtausendealten Konditionierung unterworfen hat, dass er nicht frei ist. Wir folgen mehr oder weniger willenlos den Gesetzen, Tabus, Geboten und Vorschriften, den Traditionen, welche uns überliefert wurden, von andern für uns ausgedacht worden sind, und haben die Fähigkeit verloren, selbst zu schauen, selbst herauszufinden, wie wir leben wollen, was uns gut tut, was uns zu einer friedlichen Co-Existenz verhilft. Wir experimentieren nicht mit unserem Leben, wir haben nicht den Mut, es selbst aus uns heraus zu gestalten, wir verpassen die einmalige Chance, die uns das Leben bietet.
Meine Art von Psychotherapie will an dieses Grundübel heran. Mein Ziel ist es, dem Menschen zu helfen, wieder eine völlig freie, dekonditionierte Energie zu sein, die sich selbst verantwortet und die notwendigen Strukturen im Zusammenspiel der Konfrontation mit anderen derart befreiten Wesen immer wieder neu hervorbringt.
Mein ganz persönliches Leben habe ich in diesem Sinne als Experiment verstanden und verschiedene Dinge ausprobiert, wieder verworfen, wenn sie mir ungünstig oder nicht hilfreich erschienen sind, und wieder neue Pfade eingeschlagen. Auf diesem Weg ist es mir passiert, dass ich mich schliesslich mit zwei Frauen zusammengefunden habe, mit denen beiden ich gleichzeitig zusammenlebe und Kinder habe. Ich propagiere diese Lebensweise in keiner Weise, denke auch nicht, dass sie unbedingt für einen andern das Stimmige sein muss. Es ist einfach mein Leben, mein Experiment. Was ich jedoch glaube ist, dass kein ernsthafter Sucher darum herum kommen wird, sich mit der Dreiecksproblematik gründlich auseinander zu setzen und sie für sich und in seiner Weise zu lösen.
Um uns herum ist auch Gemeinschaft entstanden. Auch dies hat viel Neid und Aufsehen erregt. Andere Menschen, die durch unseren Lebensstil, durch unsere Freiheit angeregt wurden, zogen in unsere Nähe, um Ähnliches zu versuchen und um mit uns in einer persönlicheren Auseinandersetzung zu sein.
DieMöglicheZeitung: In diesem Zusammenhang ist ja auch der Sektenvorwurf in letzter Zeit laut geworden. Man fürchtet, dass Sie Abhängige um sich versammeln und sie ausbeuten könnten.
Samuel Widmer: Der Sektenvorwurf ist immer schnell zur Hand, wenn sich irgendwo die Liebe in einem Feld zu manifestieren beginnt. Das ist so ungewohnt für uns, dass es gleich verdächtigt wird. Ausserdem wird sich auch jeder, der ein karges, nicht von Liebe getragenes Leben führt, sofort davon angegriffen fühlen. Er müsste sich ja mit sich selbst auseinander setzen und sich fragen, warum es ein solches Glück in seinem Leben nicht gibt. Da ist es dann halt leichter, das Ganze zu diffamieren und als Sekte abzutun.
Natürlich gibt es gefährliche, abhängig machende Sekten. Aber häufig findet man sie gerade auch unter den gesellschaftlich etablierten Strukturen. Ob unser Experiment in diese Richtung gefährlich ist, wird nur jemand beurteilen können, der sich ernsthaft damit auseinander setzt, und nicht jemand, der irgendwelche Vermutungen in die Welt setzt, ohne uns überhaupt zu kennen. Unser Credo ist nicht die Abhängigkeit, im Gegenteil sind wir interessiert an Menschen, die frei sind und die Freiheit suchen.
DieMöglicheZeitung: Sie bezeichnen sich auch als spirituellen Lehrer. Was meinen Sie damit?
Samuel Widmer: Wenn man sich eingehend mit Psychotherapie, das heisst mit Selbsterkenntnis beschäftigt, führt dies ganz von selbst irgendwann über diesen Bereich hinaus. Nicht mehr so sehr die Heilung von Krankem interessiert einen oder das Verstehen-Wollen des Ist-Zustandes, sondern die Entfaltung des Gesunden im Menschen rückt in den Vordergrund. Sich damit zu beschäftigen, anderen Menschen behilflich zu sein, dafür zu erwachen, wird dann wichtiger. Dafür habe ich in Übereinstimmung mit der heute üblichen Terminologie den Begriff spirituelles Wachstum, spirituelles Lehren gewählt.
DieMöglicheZeitung: Was sind denn eigentlich Ihre Thesen? Und wie sind Sie zu diesen Überzeugungen und Sichtweisen gekommen?
Samuel Widmer: Ich befasse mich ja nicht ausschliesslich mit Beziehung und Sexualität, mit dem Inzesttabu und Psycholytischer Psychotherapie. Die Psycholytische Psychotherapie ist lediglich ein Hilfsmittel, das den Prozess der Selbsterkenntnis massiv unterstützen kann. Ich finde es einfach schade, dass ein so potentes Hilfsmittel, das dem Menschen auf seiner Suche hilfreich sein könnte, verteufelt wird. Und was Beziehung, Sexualität und das Inzesttabu anbelangen, sehe ich in diesen Bereichen ganz einfach die Haupthindernisse, die für die Menschheit zu überwinden sind, um in ein allgemeines spirituelles Erwachen, wie es uns absolut Not tut, hineinzufinden.
Ich setze mich ganz allgemein mit dem Prozess der Selbsterkenntnis, welcher schliesslich in einen Prozess der Meditation führt, auseinander. Das führt weit über die Themen Gemeinschaft, Beziehung, Sexualität hinaus, zu den ganz grossen und tiefen Fragen des Menschseins überhaupt. Um dahin zu gelangen kommt man aber an den leidigen Problemen um Sexualität und Beziehung nicht vorbei. Man hat sie zu lösen.
Meine Hauptthesen dazu sind eigentlich ganz einfach, fast banal. Dass das damit Zusammenhängende tabuisiert ist, macht sie so kompliziert: Ich behaupte, dass kein Gesetz und kein Tabu je unser Zusammenleben befriedigend wird regeln können. Gesetze betrachte ich nur als das Kriegsrecht in der Notsituation, in der wir uns befinden. Nur eine lebendige Auseinandersetzung, ein voll erwachtes und voll verantwortetes Zusammenspiel unseres Wollens, nur Aufmerksamkeit, Liebe und Mitgefühl werden den Frieden unter den Menschen herstellen und garantieren können. Insbesondere wende ich diese Einsicht dann auch auf die Psychotherapie an, indem ich aufzeige, dass ein therapeutisches Setting, welches die Gebote und Tabus, welche unter den Menschen üblich sind, einfach übernimmt, keine Heilung bewirken kann, sondern einfach zur Widerholung des menschlichen Dramas wird, wie wir es kennen. Die Psychotherapie ist für mich unter anderem gerade der Ort, an dem diese Überwindung aller Vorschriften im Bezogensein zugunsten eines lebendigen Prozesses der Bezogenheit überwunden werden kann und muss.
Zu diesen Sichtweisen und Überzeugungen bin ich nach einem Prozess eigener tiefer Selbsterforschung gelangt. Dies ist ein gewissermassen wissenschaftliches Experiment im Bereich der intuitiven Wissenschaften. Jeder andere Mensch, der die Mühe auf sich nimmt, das Experiment an sich auch zu vollziehen, wird zu denselben Ergebnissen gelangen. Wer das aber nicht will, kann sich auch nicht wirklich dazu äussern.
DieMöglicheZeitung: Tabus regeln doch die Folgen des fehlenden Mitgefühls, der fehlenden Einsicht und Intelligenz unter den Menschen. Was soll denn der Ersatz dafür sein? Ein Gesetz, ein Gebot oder ein Tabu ist vielleicht nicht die beste Lösung, aber haben Sie denn eine bessere?
Samuel Widmer: Psychotherapie, so wie ich sie verstehe, ist eine Anregung zur Selbsterkenntnis. Sie versucht, im Klienten und Mitmenschen den Prozess der Selbsterkenntnis in Gang zu setzen. Wenn dies gelingt, werden Einsicht, Intelligenz und Mitgefühl in einem Menschen fast von selbst erwachen und die ständige Konflikt- und Gewaltbereitschaft, welche unser Zusammenleben so sehr erschwert und Frieden zwischen den Menschen verhindert, verschwindet.
DieMöglicheZeitung: Worauf stützt man sich denn, wenn nicht auf Gesetze und Tabus, in einer Gesellschaft von erwachten Individuen?
Samuel Widmer: Eben auf Einsicht, Intelligenz und Mitgefühl, wie sie der erwachte Mensch kennt. Natürlich lassen sich Tabus, Gesetze und Verbote nicht einfach abschaffen. Das würde nur zu Chaos führen. So etwas habe ich überhaupt nie vorgeschlagen. Es geht nicht darum, ein Tabu zu brechen, sondern es in sich drin zu überwinden. Das ist ein Prozess der Auflösung und der Integration. Die Beziehung zwischen erwachten Menschen wird allein durch Aufmerksamkeit, Wachsamkeit, Intelligenz und Mitgefühl geregelt. Und dies nicht nur im Bereich der Sexualität, nicht nur im Bereich des Inzesttabus, sondern überhaupt. Nehmen Sie ein anderes Tabu! "Du sollst nicht töten" zum Beispiel. Auch diese Angelegenheit wird ja offensichtlich durch die vorhandenen Tabus, Gebote und Gesetze nicht definitiv geregelt. Was es brauchen würde ist wiederum Einsicht, die Einsicht jedes Einzelnen. Auch in dieser Frage scheinen wir aber überzeugt zu sein, dass wir, dass 'Mensch' ohnehin nicht fähig ist, aus Einsicht auf das Töten zu verzichten. Deshalb regeln wir die Geschichte mit moralischen und juristischen Gesetzen, die natürlich und für jedermann offensichtlich ja überhaupt keine wirkliche Lösung garantieren.
DieMöglicheZeitung: Halten Sie es denn für möglich, dass die Menschheit insgesamt je einen solchen Zustand erreichen wird? Ist das nicht eine illusorische Utopie?
Samuel Widmer: Wir sind unterwegs dorthin. Wir befinden uns in der Halbzeit der Evolution. Wenn wir einfach die Türe zuschlagen und behaupten, dass es nicht möglich sei, werden wir uns nicht weiterentwickeln. Wenn wir es stattdessen versuchen, uns dem zuwenden, wird es schon in uns wachsen.
DieMöglicheZeitung: Aber wie überprüfen Sie denn, ob jemand die Reife hat, über das Tabu zu springen und die Art seines Bezogenseins selbst zu verantworten? Muss man da nicht mit Chaos und Übergriffen rechnen? Wie ist es zum Beispiel mit dem Schutz der Kinder oder mit dem Schutz der Klienten? Wie prüfen Sie, ob ein Klient wirklich fähig geworden ist, selbstverantwortlich in einer erwachsenen Beziehung zu Ihnen zu stehen und ob er Ihnen nicht nur aus Abhängigkeit folgt? Wie geht das zum Beispiel, wenn Sie mit Ihren Patienten in Gemeinschaft leben? Gibt es da nicht unkontrollierbare Konfusionen und Konflikte?
Samuel Widmer: Also zuerst einmal, warum sollte mein Klient nicht gleichzeitig auch mein Kaminfeger sein können? Das sehe ich nicht ein. Ganz allgemein bin ich immer wieder erstaunt, wie wenig man dem Durchschnittsmenschen zutraut. Dahinter sehe ich eine Tendenz der Mächtigen, zum Beispiel der Psychotherapeuten, ihre Klienten abhängig halten zu wollen, sie für immer in einer Kind-Position fixieren zu wollen. Jeder Mensch, so krank oder kindlich er auch sein mag, ist als Erwachsener auch eine erwachsene und verantwortliche Person, die immer und von Anfang an auch ernst zu nehmen ist in ihren Bestrebungen.
Ein anderer wichtiger Punkt ist: Ich befasse mich nicht mit dem Inzest, sondern mit dem Inzest-Tabu. Bei den Menschen, die ich behandle, geht es um erwachsene Personen, nicht um Kinder. Ich lebe auch nicht einfach mit Klienten zusammen, sondern mit Menschen, die dieser Ebene entwachsen sind.
In unserer Arbeit unterscheiden wir ganz klar verschiedene Bereiche. Da ist einmal der psychotherapeutische Bereich, in dem sich unser Umgang mit den Patienten kaum von dem eines konventionellen Psychotherapeuten unterscheidet. Wir versuchen aber, den Klienten in seiner Entwicklung an einen Punkt zu führen, an dem er über alles Rollenverhalten, zum Beispiel eben Therapeut/Klient, hinauswächst und fähig wird zu einer erwachsenen, voll entfalteten, voll verantworteten Beziehung. Wenn dieser Punkt nicht erreicht werden kann, würden wir nicht von Heilung sprechen. Mit einem solchen Menschen würden wir uns auch nur ganz beschränkt auf ein weiterführendes Zusammenwirken einlassen. Mein Kaminfeger könnte er aber alleweil sein. Das ist dann der zweite Bereich unserer Tätigkeit, das spirituelle Lehren, in welchem wir mit anderen erwachsenen Menschen zusammen nach neuen, besseren Lebensformen suchen, uns um die Entfaltung des Gesunden kümmern. Daraus wächst dann der dritte Bereich hervor, die Gemeinschaft, die sich um uns herum gebildet hat, unser ganz persönliches Leben und Experiment.
Es gibt keine definitiven, objektiven Kriterien in diesem Prozess, welche darüber entscheiden können, wann jemand den entsprechenden Entwicklungsstand erreicht hat. Man hat ein Gefühl dafür. Auf dieses Gefühl verlasse ich mich. Man experimentiert auch zusammen, denn unser Leben ist auch als Experiment gedacht. Dazu gehört auch, dass man Fehler macht. Das ist kein Verbrechen. Man kann nicht mehr lernen, wenn man sich nicht mehr erlaubt, Fehler zu machen. Für die Konsequenzen, die daraus kommen, übernimmt man dann die Verantwortung zusammen.
DieMöglicheZeitung: Wie leben Sie ganz persönlich die Sexualität?
Samuel Widmer: Wie bereits gesagt, ich lebe mit zwei Frauen zusammen, denen ich in Liebe verbunden bin. Im Übrigen fühle ich mich frei, mit dieser Kraft in mir zu tun und zu lassen, was ich will. Sie untersteht nur meinem Willen. Aktuell setze ich sie auch weitgehend dafür ein, in tiefere Dimensionen der Meditation vorzudringen. Manchmal lasse ich mich aber auch gerne in eine neue Anziehung hineinziehen. Die sexuelle Kraft ist etwas sehr Lebendiges und Unberechenbares in mir. Auch etwas sehr Persönliches und Intimes. Deshalb will ich dazu nicht mehr sagen.
DieMöglicheZeitung: Nun weiss ich wirklich nicht, ob ich dies alles verstanden habe. Können Sie dies alles nicht ein bisschen einfacher für unsere Leser erklären?
Samuel Widmer: Wenn ich mit meiner Frau zusammen ein befreundetes Paar treffe, ist es doch normalerweise so, dass Nähe und Sexualität aus der Beziehung zwischen mir und der Frau meines Freundes beziehungsweise der Beziehung meiner Frau mit meinem Freund ausgespart bleiben muss. Das schafft Distanz, macht die Beziehung oberflächlich, verhindert sie eigentlich ganz. Wir dürfen nicht wirklich hinschauen, wie es zwischen uns steht, was die Wahrheit ist zwischen uns, wie die Anziehung zwischen uns spielt, was Es in uns vom jeweils anderen will. Die Beziehungsstrukturen sind gegeben, sie dürfen sich nicht wandeln. Das, was darin sichtbar wird, ist für mich das Inzesttabu, weil dieses Verbot zwischen uns auf das zurückgeht, was wir in den Urbeziehungen, im Dreieck mit unseren Eltern erlernt haben und worauf der menschliche Geist seit Jahrtausenden zum Teil mit sehr drastischen Mitteln und drakonischen Strafen konditioniert wurde. Mich interessiert gar nicht die Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern. Damit habe ich mich überhaupt nie auseinander gesetzt. Mich interessieren die Auswirkungen des Inzesttabus aufs Erwachsenenleben, auf die Beziehung zwischen mir und meinen Freunden. Wie kann man so etwas Freundschaft nennen, wie können solche Beziehungen überhaupt eine Tiefe haben, wenn alles darin verboten ist? Muss nicht daraus endlos Konflikt und Leid kommen, wie wir es kennen? Und bleiben uns dadurch die tieferen Bereiche in uns und ein entsprechendes kulturelles Blühen in Harmonie und Frieden nicht verschlossen?
DieMöglicheZeitung: Wie gehen Sie persönlich mit Angriffen, mit Böswilligkeit, mit Feindschaft um?
Samuel Widmer: Immer, wenn ich in Frage gestellt werde, nehme ich diese Kritik sehr ernst. Ich prüfe sie. Der andere könnte ja Recht haben und mich auf einen blinden Fleck hinweisen wollen. In der gründlichen Selbstprüfung erkenne ich dann unmittelbar, ob es etwas gibt an meiner Sicht oder meinem Verhalten, das irregeleitet ist und das ich korrigieren müsste, oder ob der andere etwas auf mich projiziert aus seinem nicht reflektierten Hintergrund.
Im Übrigen bemühe ich mich, den Schmerz und die Verletzung in aller Unfreundlichkeit, die mir begegnet, immer wieder zu akzeptieren und zu verarbeiten, so dass ich immer wieder frei davon bin, frei zu lieben, frei für Freundschaft und Freundlichkeit.
DieMöglicheZeitung: Womit hängt denn Ihrer Meinung nach Mobbing, Diskriminierung und Fremdenhass ganz allgemein zusammen? Wie kommt es dazu?
Samuel Widmer: Da gibt es viele Hintergründe, denke ich, aber der wichtigste ist sicher, die seltsame Lust der Menschen daran, Andersartigkeit auszugrenzen, sich abzugrenzen von allem, was ihnen fremd ist. Auf dieser Grundlage konnten Mobbing-Katastrophen wie der Holocaust im Dritten Reich und alle heute bekannten ethnischen Säuberungen im Grossen und Kleinen stattfinden. Diese Lust an der Gegnerschaft begründet sich, meine ich, darauf, dass der Durchschnittsmensch nie sein ganzes Potential an inneren Möglichkeiten ausschöpft, nicht frei wählt, welche davon er verwirklichen will, sondern ängstlich und willenlos vorgegebenen Traditionen folgt. Er neigt dann dazu, das Böse, das er in sich verleugnet, auf andere zu projizieren und in ihnen zu verfolgen. Genau so tut er es mit dem Schönen und Guten; das projiziert er auch auf Gott oder auf Menschen oder auf andere Kräfte. Er betet es dann an, bewundert es. Und selbst bleibt er beschränkt aufs Mittelmass, auf Gewohnheit und Seichtheit. Er verzichtet darauf, Tiefe zu haben, weil er die Verantwortung darin fürchtet, Angst hat, als Zauberlehrling zu versagen. Und schon wären wir wieder beim Inzesttabu. Ich weiss nicht, ob Sie den Zusammenhang sehen.
DieMöglicheZeitung: Was machen Sie, wenn Ihre Kinder in die Mobbing-Spirale hineingezogen werden?
Samuel Widmer: Für meine Kinder wehre ich mich. Unbedingt. Wenn sie irgendwie leiden müssen unter den Querelen der Erwachsenen, mache ich Krach. So ist es ja bereits geschehen in den Dörfern, in denen wir zu Hause sind. Auch darin ist mir allerdings eine Grenze gesetzt. Letztlich geht es immer auch darum, die Ohnmacht und das Schicksal annehmen zu können. Das gilt auch schon für die Kinder.
DieMöglicheZeitung: Sind Sie glücklich, Samuel Widmer, in Ihrem Leben?
Samuel Widmer: Obwohl man mir es immer wieder schwer macht, halte ich mich für den glücklichsten Menschen auf der Erde. Ich darf meiner Berufung folgen; das was ich bin und das, was ich tue, deckt sich. Ich habe ein reiches, blühendes Leben, ein äusserst kreatives auch, ich habe Freunde, die bereit sind, mit mir ihr Leben zu teilen, die Lust haben darauf, zu experimentieren und herauszufinden, was uns wirklich gut tut. Ich habe in meinen persönlichen Beziehungen, zu den beiden Frauen, mit denen ich mein Leben teile und Kinder habe, und in der Gemeinschaft, in der ich mit unseren Freunden lebe, das gefunden, was ich suchte, und ich habe die schönsten Kinder, die man sich vorstellen kann. Wie sollte ich da nicht glücklich sein!

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