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Von allerlei inneren und äusseren Räumen
Über Zusammenhänge zwischen Architektur und Bewusstseinsforschung
Vortrag von Dr. med. P. Samuel Widmer Nicolet
Für die Fachhochschule Architektur, Professor Wolfgang Rang, Frankfurt
Um es gleich klarzustellen; Ich verstehe nichts von Architektur. Eigentlich bin ich ein vollkommener Laie. Zwar habe ich meine Laufbahn vor 45 Jahren als damals 15-Jähriger mit einer Hochbauzeichnerlehre und der Absicht, Architekt zu werden, begonnen. Die Lehrzeit habe ich auch tatsächlich abgeschlossen; die Absicht, mich in diesem Rahmen weiterzuentwickeln, ist mir aber unterwegs abhanden gekommen.
Ich hatte nämlich einen anderen Raum entdeckt, den Raum der Bewusstseinsforschung, einen inneren Raum. Die Faszination dieser inneren Räume, die sich uns im Wesentlichen durch den Prozess der Selbsterkenntnis erschliessen, hat mich früh gepackt und sich mir als Berufung aufgedrängt. Folgerichtig studierte ich Medizin, spezialisierte mich auf die Psychiatrie und Psychotherapie und bewarb mich schliesslich als frischgebackener Arzt in eigener Praxis für eine Bewilligung, bewusstseinserweiternde Substanzen wie LSD und MDMA (bekannt als Ecstasy) bei meinen Patienten einsetzen zu dürfen. In diesen hatte ich nämlich eine enorme Unterstützung entdeckt, um innere Räume aufzuschliessen.
Das war 1986. Das Wunder geschah. Mit ein paar anderen Kollegen zusammen begründeten wir die SÄPT, die Schweizerische Ärztegesellschaft für Psycholytische Psychotherapie, und erhielten tatsächlich die gewünschte Erlaubnis, welche uns erst 1993 im Zuge politischer Erwägungen wieder aberkannt wurde.
Diese Arbeit wurde in verschiedenen Studien gewürdigt und ihr Heilpotential für psychisch oder am Bewusstsein erkrankte Menschen zusammengefasst. Sie finden Hinweise darauf im beigefügten Literaturverzeichnis. Selbst habe ich in einem umfangreichen und vor allem populärwissenschaftlichen Werk die gemachten Erfahrungen und die gefundenen Erkenntnisse verarbeitet und aufgezeigt, dass nicht nur dem Kranken, sondern vor allem auch dem so genannt Gesunden, uns, diese heute so verpönten Hilfsmittel dazu dienen könnten, neue Bewusstseinsräume, die für unser Wohlergehen und unser Überleben auf diesem Planeten unabdingbar sind, zu eröffnen. Heute nach weiteren 15 Jahren Dunkelheit beginnt sich in einer Renaissance der 68er-Jahre auch auf diesem Gebiet wieder etwas zu regen. Kürzlich wurden in der Schweiz erstmals wieder Bewilligungen, wenigstens das Gebiet weitererforschen zu dürfen, gesprochen.
Selbsterkenntnis, Bewusstseinserweiterung oder wie immer Sie es nennen mögen, erschliesst innere Bewusstseinsräume. „Drogen“ wie LSD oder Ecstasy helfen, diese Räume leichter zugänglich zu machen. Man redet auch von ekstatischen Zuständen. Das Vorhandensein, das Entdecken dieser Zustände oder Räume ist aber nicht von diesen Substanzen abhängig, sondern vom bewusst geführten Prozess der Selbsterkenntnis, den diese allerdings in uns anzustossen vermögen.
Im Wesentlichen unterscheide ich vier mögliche Räume oder ekstatische Zustände, die wir betreten können: Zuerst den Rausch, die überwältigende Erfahrung des mit unendlich vielen Bewusstseinsinhalten überfluteten Gehirns. Dann als zweiten und schon reiferen Raum den Raum der Stille, der Leere oder der vollkommenen Nüchternheit in einem von seinen unnützen Inhalten entleerten Gehirn als momentane Erleuchtungserfahrung. Darüber hinaus dann den dritten Raum, dieselbe Erfahrung innerer Wachheit und Stille, aber als jederzeit willentlich zugänglicher und konstant erreichbarer Raum. Nachhaltig, wie man heute sagt. Und nicht zuletzt dann den Raum der Zuwendung zu allem Sein aus diesem Zustand der Gnade heraus. Lassen Sie mich dies ein bisschen genauer ausführen!
Wenn ein Mensch uns mit einem durchschnittlich konditionierten Gehirn und in durchschnittlich verwirrter Geistes- und Gemütsverfassung aufsucht und wir ihm psycholytische Hilfsmittel verabreichen, um ihn im notwendigen Prozess der Selbsterkenntnis und inneren Klärung zu unterstützen, wird er Ekstase zuerst im Sinne eines Rausches erleben. Dies ist der erste Bewusstseinsraum, der sich ihm erschliesst. Er wird überwältigt von der Gesamtheit der Inhalte unseres menschlichen Bewusstseins. Wir bringen damit gewissermassen die Festplatte seines Gehirncomputers zur Explosion, so dass sein Bewusstsein mit sämtlichen gespeicherten Erfahrungen überflutet wird. Das ist natürlich ein gewaltiges, beeindruckendes und eben ekstatisches Geschehen, welches je nachdem in Schrecken oder Ergriffenheit ausarten kann. Diese Erfahrung allein wird zwar auch schon eine allenfalls heilende Schockwirkung haben, indem sie die innere Welt des Betroffenen anhält, ihn aufweckt in Richtung einer ganzheitlicheren Sichtweise, aber kaum eine grundsätzliche und anhaltende Änderung in ihm, in seiner Wahrnehmung oder seinem Verhalten bewirken können.
Dazu braucht es zusätzlich einen ernsthaften Willen zur seriösen Selbsterforschung. Die Integration solcher Erlebnisse wird dadurch zu einer allmählichen Säuberung der mit ineffektiven Erfahrungsinhalten überladenen Festplatte beziehungsweise zur Entleerung des Gehirns führen. Ein leeres Gehirn ist ein stilles Gehirn. Stille ist der zweite Raum, den der Bewusstseinsforscher in seinem Inneren entdeckt. Jeder Mensch, der sich ernsthaft auf die Erfahrung der Meditation, der Selbsterkenntnis oder auch der Psychotherapie eingelassen hat, kennt diesen Prozess auch ohne die Hilfe psycholytischer Substanzen. Diese wirken lediglich als Katalysatoren und als Unterstützung in diesem Ablauf. Der Prozess führt schliesslich zum Erleben eines ganzheitlich wahrnehmenden Gehirns, das in seiner Qualität wieder ganz jung und frisch ist, seine ursprüngliche Unschuld immer wieder finden kann und deshalb fähig ist, alle auftauchenden Probleme, ungehindert durch Tradition, Moral und Vergangenheit, kreativ und intelligent zu lösen.
Dies ist die zweite Art ekstatischen Erlebens, der zweite Bewusstseinsraum, den ein nun freier Geist betreten kann: Die Wahrnehmung aus einem stillen Gehirn, die Erfahrung von Einsicht und ursprünglicher, gewissermassen universeller Intelligenz. Auch ein solcher Zustand, diesmal Ekstase nicht als Rausch, sondern paradoxerweise im Sinne kompletter Nüchternheit, kann durch die psycholytischen Hilfsmittel gefördert oder herbeigeführt werden, wenn einmal die Voraussetzungen dafür geschaffen sind. Dies ist allerdings die Vorbedingung, denn wie Timothy Leary schon wusste: „Ein Schweinehirn sieht auch auf Trip nur Schweine.“ Denn dies muss ganz klar festgestellt werden: Bei mangelnder Ich-Entwicklung wird es auch bei der Einnahme psycholytischer Substanzen kaum zu einer bereichernden Erfahrung ozeanischer Selbstentgrenzung durch Ich-Transzendenz kommen, da das Ich noch gar nicht genug entwickelt ist, um transzendiert werden zu können. Eine angstvolle Ich-Auflösung ist in dieser Situation viel wahrscheinlicher, was bei mangelnder Integration zu einer pathologischen Regression, also einer Psychose, führen kann. Sofern die Integration gelingt, kann allerdings auch ein solcher Bad-Trip, wie wir bereits beschrieben haben, zu einer wertvollen Erfahrung werden. Und auch hier sind wir natürlich keineswegs von diesen Katalysatoren abhängig. Sie sind lediglich eine willkommene und äusserst geeignete Unterstützung für denjenigen, der in seiner Vernagelung Hilfe braucht, also vor allem auch für den durchschnittlich konditionierten, normal-neurotischen, so genannt gesunden Geist. Dass die psycholytische Unterstützung in der Psychotherapie und Bewusstseinsforschung heute noch zurückgewiesen wird, kann man durchaus einem Irrtum der Menschheit gleichsetzen, wie dem zur Zeit Galileo Galileis begangenen, als man dessen Erkenntnisse bezüglich Astronomie und Physik nicht anerkennen wollte. Stellen Sie sich vor, wo wir heute wären, wenn wir daran festgehalten hätten!
Damit ist die Reise ins Land der ekstatischen Zustände aber noch nicht zu Ende.
Durch den Prozess des Registrierens bildet sich unser Ego heraus. Das Gehirn registriert wahllos alles, vor allem auch psychologische Verletzungen. Jeder von uns weiss, wie hinderlich dies werden kann, wenn alte Geschichten des Verletztwordenseins in uns hängen bleiben. Im Prozess der Selbsterkenntnis, unterstützt durch die psycholytischen Hilfsmittel, lernen wir diese alten Geschichten zu verarbeiten, sie damit wirklich dem Vergessen zu übergeben und uns dadurch davon zu befreien. Zu Beginn führt dies aber dazu, dass wir meinen, das Registrieren überhaupt aufgeben zu müssen. Wir werden vergesslich und wähnen dann vielleicht, unser Gehirn habe Schaden genommen, wie es uns ja die allgegenwärtige Negativ-Propaganda bezüglich so genannter Drogen nahe legt. Dies würde aber nicht zur Erleuchtung, sondern zur Verblödung führen. Ein nächster Schritt im Selbsterkenntnisprozess ist daher zu begreifen, dass wir die Macht haben, unseren Computer korrekt zu bedienen. Es gibt darin gewissermassen eine Taste, die gedrückt werden muss, wenn wir etwas erinnern sollen und wollen, die wir aber vermeiden können zu drücken, wenn es eben zum Beispiel um Verletzung und Schmeichelei geht. Und fragen Sie mich nicht, wie wir das machen. Wir machen es eben. Genauso wie die Bienen sich ohne Führung zu organisieren verstehen oder die Kinder lesen lernen, ohne dass wir erklären können, warum. Es gehört zu diesen, uns noch wenig begreiflichen Phänomenen der Emergenz, der Selbstorganisation des Lebens, genauso wie andere Tatsachen, zum Beispiel dass der Geist eines Menschen sich vom Erwachsenenalter bis ins hohe Alter ständig weiterentwickelt und weiterwächst oder dass Wasser bei einer bestimmten Temperatur in einen Eiswürfel auskristallisiert, Tatsachen, die auch (noch) niemand erklären kann.
Das Gehirn lernt also zu registrieren, was notwendig, was hilfreich, was lebenswichtig ist; alles andere wirft es gleich wieder raus, so dass es sich seine Unbelastetheit, seine jugendliche Frische bis ins hohe Alter erhalten kann (Zusammenhänge zur ursächlichen Erklärung der Altersdemenz herzustellen, überlasse ich ihrer Fantasie). Dadurch, dass die Festplatte nicht ständig überlastet wird, bleibt die Kapazität des Gehirns für eine ganzheitliche, offene und unmittelbare Wahrnehmung erhalten oder wird immer wieder hergestellt. Dadurch ist das Gehirn, wenn es nicht intellektuell gefordert ist, still, es kennt inneren Raum oder Freiheit, das heisst einen Zustand, in dem es nicht ständig beschäftigt ist.
Dieser Zustand ist natürlich wieder dieser ekstatische Zustand oder Raum der Stille, in dem sich das ganze Wesen jederzeit regenerieren kann dadurch, dass es sich der Tiefe allen Seins öffnet, dem Heiligen, dem Essentiellen, dem Mysterium, das allem innewohnt. Das Gehirn hat den letztlich unfassbaren Hintergrund, in dem es ruhen und von dem aus es sein Leben bewältigen kann, gefunden. Durch diesen Lernschritt, das Kennenlernen der Bedienungsanleitung unseres Computers im Prozess der Selbsterkenntnis, verschwindet das Problem der Vergesslichkeit wieder, und der Lernende wird nun fähig, frei zu flotieren zwischen Arbeitszuständen, in denen sein Computer arbeiten und registrieren muss, sowie stillen Ekstasemomenten, in denen er lediglich wahrnimmt und ruht. Der Fortschritt an dieser Wegbiegung des Lernens besteht allerdings darin, dass diese Zustände nun nicht mehr als spontane Erleuchtungserfahrung auftauchen (als Satori, wie das auch genannt wird), sondern er beginnt darüber zu verfügen. Der Zustand der Befreiung (Moksha, Samadi oder wie immer er bezeichnet wird) ist erreicht. Der dritte Raum, der Raum nachhaltiger Wachheit und Stille im Gehirn, im Bewusstsein, ist erschlossen.
Der Bewusstseinsforscher wird aber nicht haltmachen können bei dieser Art der individuellen Ekstase oder Erleuchtung. Er hat das Allerinnerste, den innersten Raum in unserem Innern gefunden, freut sich daran, in ihm immer wieder Frieden und Nahrung zu finden, akzeptiert in Demut, dass er seine Natur nie voll und ganz verstehen kann, wendet sich aber von dort aus einer neuen Bewegung und Bestimmung zu, die ihn fortan noch viel mehr fesseln wird: der Erforschung unseres Zusammenlebens, der Frage, wie sich die Natur selber, wie sich Gemeinschaft aus sich selbst heraus organisiert. Auf ihn wartet noch, genauso wie wir es in anderen Wissensbereichen, zum Beispiel der Physik, zu erkennen beginnen, das Phänomen der Emergenz. Würde er diesen Schritt nicht machen, könnte sein Wachstumsprozess nicht weitergehen.
Dabei wird er noch einen weiteren ekstatischen Zustand, eine weitere Erleuchtung, einen vierten Raum entdecken. Wir nennen ihn des Raum des Mitgefühls, das gemeinsame Herz, den gemeinsamen Geist, die Möglichkeit, eine neue Welt, eine neue Gesellschaft frei von den Verkrustungen aller Vergangenheit und Tradition hervorzubringen. Eine neue Weltordnung beruhend auf universellen Gesetzen, in der für alle gesorgt sein wird, in der wir endlich Frieden finden werden miteinander und in der wir, befreit von allen Zwängen durch irgendwelche Macht- und Hierarchieansprüche, uns gemeinsam öffnen werden für eine einige Welt, eine globale Sicht und ein Leben, das sich selbst zu organisieren versteht. Die letzte Erfüllung findet der Bewusstseinsforscher nicht in seinen ekstatischen Zuständen, sondern im Zusammenwirken mit allem und allen, im Weiterwachsen und Forschen, ohne je eine definitive Antwort zu haben, im Erblühen in dem, was er nie ganz verstehen kann, im Mysterium unseres Seins.
Der Bewusstseinsforscher findet bei seiner Innenschau etwas, was wir Liebe, Stille, Intelligenz oder wie auch immer nennen mögen, eine unabhängige, universelle Kraft und absolute Wirklichkeit, ein innerer Raum, der immerwährend still und wahrhaftig hinter aller Erscheinung steht. Er erkennt aber auch, dass diese Ekstase für sich keinen Wert hätte, wenn sie nicht eine Umsetzung im ganzen Leben erfahren würde. Eine Lösung für alles werden wir daraus allenfalls in der Zuwendung zu den noch unerforschten Gesetzen der Emergenz, die sich daraus erheben, den Gesetzen des Zusammenharmonierens aller Dinge und Wesen, schliesslich bewirken. Bezüglich der Emergenzforschung und der Zusammenhänge zur theoretischen Physik kann ich Sie auf das ausgezeichnete Buch, Abschied von der Weltformel, des Physiknobelpreisträgers Robert B. Laughlin verweisen. Ein vertiefteres Verständnis der aktuellen Hirnforschung können Ihnen allenfalls die Bücher des Neurologen Gerald Hüther vermitteln. Beides Autoren, die ebenfalls populärwissenschaftliche Werke schreiben, um Menschen jenseits ihres Fachgebietes zu erreichen.
In alten Zen-Geschichten wird dieser vierte Schritt in der Bewusstseinsentwicklung häufig besonders hervorgehoben. „Am Anfang sind die Berge Berge und du musst Holz hacken und Wasser holen“, heisst es in der einen. „Danach kommt eine Zeit, wo die Berge nicht mehr Berge sind und alles ungewöhnlich und verändert erscheint. Aber schliesslich musst du wieder Holz hacken und Wasser holen und die Berge sind wieder ganz normale Berge.“ Eine andere erzählt davon, dass der Weise nach der Erleuchtung den Auftrag erhalte, auf den Marktplatz unter die gewöhnlichen Leute zu gehen, um sie zu lehren. Oder wieder eine andere berichtet, dass du den Bullen heimführen musst, nachdem du ihn gefunden, gezähmt und geritten hast.
Soweit etwas von meinen Erfahrungen mit der Selbsterkenntnis.
Nun etwas zu meinen Erlebnissen mit der Architektur.
Abgesehen von meiner Lehrzeit in einem kleinen Architekturbüro in den sechziger Jahren habe ich später bis jetzt insgesamt fünf Häuser gebaut oder umgebaut. Ein Haus für meine eine Familie, ein Haus für meine andere Familie, ein Haus für meine Arbeit als Therapeut und für unsere Seminartätigkeit, ein Ferienhaus sowie ein Haus, welches wir später Freunden verkauft haben. Dabei habe ich natürlich ganz unterschiedliche Erlebnisse gehabt mit den jeweiligen Architekten. Gewarnt hatte mich jedermann, dass Bauen eine schreckliche Angelegenheit sei, stressig, zermürbend, mir würden innerhalb kürzester Zeit graue Haare wachsen wegen all der Ärgernisse.
Dem war nicht so. Jedes Mal habe ich es als überaus kreativen, freudigen und vor allem auch gemeinschaftlichen Prozess erlebt, der mich – abgesehen von den gelegentlichen Schwierigkeiten, die tatsächlich zu überwinden waren – sehr glücklich gemacht und mir Energie gegeben hat. Das mag damit zusammenhängen, dass ich dabei einer alten Leidenschaft frönen durfte, dass ich doch mehr davon verstand als andere, dass ich selbst klare Vorstellungen entwickeln und auch durchsetzen konnte. Interessant war aber dabei vor allem die Auseinandersetzung mit den Ideen, der Geisteshaltung, den inneren Räumen der jeweiligen Architekten, mit denen ich dabei konfrontiert wurde.
Da gab es den Architekten, der sich völlig in mich einfühlen konnte und es verstand, meine Vision zu materialisieren. Dann gab es den anderen, der sich zwar durchaus in dieser Richtung bemühte, bei dem sich aber in all seinem Tun (vor allem in der Wahl der Materialien) immer wieder seine eigenen Vorstellungen durchsetzten (vor allem eine kleinbürgerliche Note, von der ich oft überrascht und überrannt wurde). Und schliesslich fand sich der dritte, mit dem wir harte Kämpfe auszufechten hatten, weil er partout seine eigene Vision erschaffen und uns aufdrängen wollte, obwohl sie unseren Bedürfnissen ganz und gar nicht dienlich war. Und so entstanden äussere Räume, in denen wir seither mehr oder weniger glücklich unser Leben verbringen, und die uns auf Schritt und Tritt daran erinnern, wie die jeweiligen Auseinandersetzungen geführt wurden oder ausgegangen sind.
Wie hängen nun diese inneren und äusseren Räume zusammen?
Als ich zum ersten Mal hier in Frankfurt zu Besuch war, wurde ich in ein schönes, altes, dreistöckiges Reihenhaus in einem ruhigen Vorstadtbezirk eingeladen. Nach hinten hatte es genauso wie seine Nachbarhäuser in der Reihe einen wunderbaren Garten mit alten Bäumen und lauschigen Ecken. Aber dieser Garten war genauso breit wie das Gebäude, also etwa sieben Meter, und verjüngte sich zum hinteren Ende hin deutlich – er war vielleicht dreissig Meter lang – auf etwa zwei Meter. Zu den Nachbargärten, die ähnlich strukturiert waren, war er durch Zäune abgegrenzt. Lauter aneinander gereihte Schläuche also.
Was für ein Geist schafft eine solche Struktur? Aus welchem inneren Raum erscheint einem eine solche Einteilung als zweckmässig und normal? Und aus welchem inneren Raum schaute ich selbst, so dass mir die Absurdität einer solchen Gestaltung gleich ins Auge sprang und ich mich wunderte, dass die jeweiligen Besitzer sich nicht zusammentaten, die Zäune entfernten und einen grossen, gemeinschaftlichen, wunderbaren Park für alle daraus gestalteten? Wie kommt es, dass sich niemand für solche Projekte stark macht?
Bei einem späteren Besuch in dieser grossen Stadt bewunderte ich die eleganten Wolkenkratzer, die wir alle abschritten, um zu ihren Füssen in den Himmel zu schauen. Dabei wurde mir erzählt, dass die Stadt wegen dieses „Turmbaus zu Frankfurt“ einen jahrzehntelangen Bürgerkrieg hinter sich habe. Mir gefielen zwar die Dimensionen, die Linienführung und die Eleganz dieser enormen Gebäude sehr, aber andere hatten offenbar darunter gelitten, dass ihnen reihenweise gesunde, historische Bauten und romantische Quartiere zum Opfer fallen mussten.
Welcher Geist war hier zugange? Aus welchem inneren Raum strebt der menschliche Geist praktisch rücksichtslos nach Grösse und Erhabenheit? Und aus welchem anderen inneren Raum verteidigt er die Bewahrung des Bewährten und Hergebrachten, manchmal bis hin zur Beschränkung jeder freien Entfaltung? Und gibt es darin ein Gleichgewicht, ein Richtig oder Falsch? Und wer oder was könnte darüber befinden?
Natürlich musste ich dabei an den berühmten Turmbau zu Babel in der biblischen Mythologie denken, in dem das Bedürfnis der Menschen, Gott-ähnlich sein zu wollen, zum Ausdruck gekommen sein soll, was schliesslich Bestrafung zur Folge gehabt habe, weil Gott diese Megalomanie nicht dulden wollte und den Menschen auf seinen Platz, in seinen Raum zurückverwiesen haben soll.
In meinen persönlichen Erfahrungen mit den Architekten der Häuser, welche ich bewohnen darf, hat mich die Auseinandersetzung mit dem einen, der ein langjähriger Freund war, am meisten beeindruckt.
Wir sind eine grosse Familie, zweimal fünf Kinder in zwei Häusern, dazu je eine Mama und ein Kindermädchen. Ein Familienhaus muss gewissen Bedürfnissen genügen. Es muss viel mehr funktional sein als ästhetisch. Schönheit, Ästhetik kommen bei weitem nicht an erster Stelle. Das konnte mein Freund, ein Junggeselle, der den heute weit verbreiteten Lebensstil des Hyperindividualismus verkörpert (Vier-Zimmer-Attika-Stadtwohnung für eine Person) schwer verstehen. Er war voller Ideen über Ästhetik, Form und Gleichgewicht, aber ein Gefühl für Familie, für menschliche Bedürfnisse im gemeinschaftlichen Leben kannte er kaum.
In welchem Raum des Bewusstseins war er zu Hause, in welchem ich, dass wir so harte Kämpfe führen mussten, bis wir ihm (widerwillig) unsere Wünsche abnötigen konnten? Und welcher selbstherrliche, innere Raum erlaubte ihm überhaupt, seine Anliegen ganz bewusst über die seiner Kunden zu stellen?
Aber noch subtiler wurden die Schwierigkeiten mit dem anderen Fachmann, der zwar ganz willig war, unsere Vorstellungen zu bedienen, dem aber gar nicht bewusst wurde, wie seine eigenen Werte sein ganzes Tun und Wirken durchsetzten, so dass er einen fremden anderen Raum gar nicht zu erfassen vermochte. Man konnte es ihm gar nicht vorwerfen. Zu offensichtlich war, dass er in aller Unschuld immer wieder aus seinem eigenen, irgendwie einzigen Raum operierte, weil er sich einen anderen gar nicht denken konnte. Jedes Detail musste zum Beispiel bezüglich umweltverträglicher Materialverwendung, bezüglich Stil und Farbe genauestens abgesprochen werden. Und weil Belastung und Zeitdruck dies oft verhinderten und man ihm eigentlich gerne freie Hand gelassen hätte, schlich sich doch allerorts wider Erwarten ein Element ein, dass nicht zu unserem persönlichen Credo, zu unserem inneren Raum, aus dem heraus wir unser Leben gestalten wollen, passte.
Heute kann man wohl ganz allgemein sagen, dass Ideen uns Menschen beherrschen. Wir leben lieber mit Ideen als mit Wirklichkeit. Wo man hinschaut, Schule, Politik, Wirtschaft, ersticken uns so genannte innovative Ideen, welche alte, in langer Zeit gewachsene Werte abräumen, wie wenn sie keine Bedeutung hätten, nur um morgen schon selbst wieder einem neuen Furz Platz machen zu müssen, den wir Fortschritt nennen, ohne oft dessen Fraglichkeit zu hinterfragen. Ideen, das heisst gedankliche Gebäude, virtuelle Räume gewissermassen, haben Bewusstheit, ein Gefühl für etwas, einen inneren Raum wirklichen Erlebens ersetzt. Wo die wirklichen Bedürfnisse überhaupt noch gefühlt werden, kommt es zu einem Dauerstreit zwischen Idee und Bedürfnis.
Bewusstheit ist nicht dasselbe wie Gedanke, wie Idee. Bewusstheit ist vor allem das Bewusstsein der wirklichen Bedürfnisse, von dem, was es braucht. Bewusstheit ist ein Raum, ein letztlich wirklicher, gefühlvoller, mitfühlender, alles erfassender und berücksichtigender Raum. Ideen sind nicht dasselbe. Sie sind gewissermassen virtuelle Räume, Gebäude wie Kartenhäuser, die vor der energetischen Wirklichkeit des Seins, der Wahrnehmung, der Bewusstheit schnell in sich zusammenfallen. Und doch leben wir heute vor allem aus ihnen.
Bewusstheit befasst sich mit Wirklichkeit, zum Beispiel mit der Wirklichkeit tatsächlicher Bedürfnisse in einem bestimmten Feld, zum Beispiel der Bedürfnisse einer Familie. Aus diesem Raum heraus wird etwas geschaffen, das den Menschen in seiner Ganzheit erfasst und bedient. Ideen gehen an der Wirklichkeit vorbei, sie stülpen den Menschen Hüte auf, die nicht wirklich zu ihnen passen, von denen sie aber schliesslich selbst nicht mehr spüren, dass sie ihnen nicht stehen. Sie berücksichtigen auch nie die Gesamtheit der Menschheit, sondern nur einen Teil, die Reichen etwa, die Leute des Westens usw. Ideen spalten. Bewusstheit, erwachte, ganzheitliche Wahrnehmung kümmert sich, und sie kümmert sich immer um das Ganze, zieht alle Gegebenheiten mit ein. Güte hat immer das Ganze im Auge. Das, was trennt darin, was fragmentiert, könnte man auch als die Energie des Bösen bezeichnen.
Aus welchem inneren Raum, wenn wir die Ergebnisse der Bewusstseinsforschung berücksichtigen, wird also ein Fachmann das Gute, das Richtige, das Notwendige, das was die jeweilige Situation tatsächlich braucht, schaffen? Und diese Frage beschränkt sich natürlich nicht nur auf die Architektur. In jedem Bereich menschlichen Erfahrens und Wirkens sehen wir es am Werk: ein beschränktes Bewusstsein voller Ideen, Gedanken und Voreingenommenheiten, das beiträgt zu dem, was uns nicht wirklich dient, sondern uns belastet, oder einen freien, das heisst einen leeren, klaren Geist, der Wirklichkeit erkennen und berücksichtigen kann und daher hilft, das hervorzubringen, was wir wirklich brauchen. In der Wirtschaft, im Finanzsystem, in der Politik, im Militär, in der Erziehung, im Unterhaltungsbereich, in den Medien, überall erkennen wir, dass der menschliche Geist nicht nur in den Patienten einer psychotherapeutischen Praxis sich zuerst einmal vor allem im chaotischen Zustand der konditionierten Unordnung , des schlecht maskierten Egoismus und der Gier befindet und zuerst eine Menge Selbsterkenntnis betreiben muss, bevor er Ekstase oder inneren Raum in anderer Form als der des Rausches, des ersten beschriebenen Bewusstseinsraumes, in dem leider der Grossteil der Menschheit zu Hause ist, des Raums des zügellosen Überflutetseins durch wahllose Bewusstseinsinhalte erleben kann. Der durchschnittliche, schwer konditionierte, sich selbst nicht bewusste Geist schafft eine Welt, wie wir sie kennen, eine Welt des Chaos, der Verirrung, die das Menschliche, das darin zurecht zu kommen versucht, erdrückt.
Was wird ein Geist, der gelegentliche Einbrüche in einen anderen Raum (den zweiten beschriebenen, den des erwachsenen Menschen), in einen Raum, der Stille und Einsicht kennt, hervorbringen? Wird er Kathedralen bauen, Pyramiden, Weltwunder, Wolkenkratzen? Wahrscheinlich. Dinge, die den Menschen vielleicht erheben können, ihm einen Eindruck von etwas Grösserem erlauben. Aber auch darin kommen die tiefen Bedürfnisse der Menschen nach Gemeinschaft, nach Freundschaft, nach Liebe noch nicht wirklich zum Zug. Eher werden sie auch davon an den Rand gedrückt. Zu narzisstisch, zu individualistisch, zu arrogant kommt ein solches Bewusstsein daher. Im besten Fall wird es den Turmbau zu Babel (oder zu Frankfurt?) wiederholen, bis es von der Kraft des Ganzen (heute nennen wir sie nicht mehr Gott, sondern zum Beispiel Klimaerwärmung oder Börsencrash) gebremst wird.
Braucht es den erleuchteten Menschen, der aus einem Raum innerer Stille lebt, die ihm dauerhaft zugänglich ist (dem dritten beschriebenen Raum des für Bewusstsein definitiv erwachten Menschen), um eine Welt zu schaffen, in der wir alle glücklich, alle versorgt, alle berücksichtigt zufrieden leben können? In der Architekten vor allem Häuser bauen wollen, die uns dienen, Wirtschaftsmenschen ein Geldsystem schaffen wollen, welches die Armen und die Reichen nicht spaltet, eine Welt, die Politiker endlich dazubringt, die Militärbudgets für Bildung und Erziehung auszugeben? Oder ist ein solcher Geist in Gefahr, gar nichts mehr zu tun, sich abzuheben und in weiser Gelassenheit nur noch Zuschauer zu sein? Braucht es die Demut des vierten Raumes, den der Bewusstseinsforscher schliesslich entdeckt, den Raum des einen Herzens oder einen Geistes, wie wir ihn nennen, einen Raum des Mitgefühls mit allem, aus dem heraus der erwachte Geist wieder auf den Marktplatz zurückkehrt, den gezähmten Bullen nach Hause führt, nach dem Rausch der Allmacht wieder erkennt, dass man Wasser holen und Holz hacken muss und die Berge einfach Berge sind, das heisst, sich wieder dem ganz gewöhnlich Menschlichen zuwendet, um ihm zu dienen? Finden wir innen und aussen immer dasselbe? Ist die Welt, chaotisch und schrecklich, wie sie bekanntlich vor allem ist, trotzdem ein exaktes Abbild unseres allgemeinen Bewusstseinszustandes? Und braucht es das Erwachen des Einzelnen und damit schliesslich der Gesamtheit der Menschen, um eine Welt hervorzubringen, die uns dient und nicht erdrückt, um eine Architektur zu schaffen, die uns gibt, was wir brauchen und uns nicht einzwängt in etwas, was allenfalls unseren Sinn für Ästhetik verzaubert oder unserem Hang zum Ungewöhnlichen oder Masslosen frönt?
Oder bliebe dann nur Zweckmässigkeit übrig? Dann wären wir genau bei der Gestaltungsweise des Architekten in meiner Erfahrung, bei dem immer wieder das Bürgerliche durchdrückte, in der das Besondere, das Ausserordentliche, aber auch das Schöne und Edle reduziert war auf Zweckmässigkeit.
Oder würde ein erwachter Geist, der aus diesem vierten Bewusstseinraum heraus existiert, eine Welt erschaffen, so wie es sie wirklich braucht? So wie es sie braucht, dass nicht mehr täglich hunderttausend Menschen an den Folgen des Hungers und der Armut sterben und die Hälfte der Menschheit ohne das Notwendigste auskommen muss? Ein Geist, der aus Mitgefühl heraus operiert, ist nicht derselbe wie der, der aus Beschränktheit aufs Mittelmaus heraus handelt. Er ist gerade eben nicht beschränkt, sondern allumfassend. Und wenn es einen solchen Geist dafür braucht, müssten wir uns dann nicht dringend um Selbsterkenntnis kümmern, sie zum Hauptfach in allen Fachdisziplinen erheben, weil nur Selbsterkenntnis, die Erforschung unseres Bewusstseins einen solchen Geist hervorbringen kann? Und ist es vorstellbar, dass wir uns je dazu durchringen werden? Und weil nicht, sind wir daher als Menschheit verloren? Oder darf man noch auf die plötzliche Zustandsänderung hoffen, die jeweils kommt, wenn die kritische Masse überschritten wird, auf das Zeitalter der Emergenz, wie es der Nobelpreisträger und Physiker Robert B. Laughlin in seinem Buch, Abschied von der Weltformel, nennt, in dem sich die Kräfte der Selbstorganisation des Universums gegen unsere Verirrung durchsetzen werden?
Sie sehen, meine ursprünglichen Fragen nach dem inneren Raum, welcher den äusseren gestaltet, und ob es ein Richtig oder Falsch darin gibt, das Bewährte zu verteidigen oder nach dem Unerreichten zu streben und wer oder was allenfalls darüber befinden könnte, haben nicht zu Antworten geführt, sondern noch mehr Fragen aufgeworfen. Und doch wächst im ernsthaften Aufwerfen dieser Fragen das Bewusstsein und der innere Raum wandelt sich, so dass er ganz von selbst einen anderen äusseren Raum hervorzubringen beginnt. In Bewusstseinsfragen kann und darf es keine Autorität geben. Es gibt keine definitiven Antworten. Es gibt nur die Fragestellung, das ewige Forschen und Fragen. Und die Antworten werden im individuellen Bewusstsein in der Zuwendung zur Frage direkt erkannt.
Was heute fehlt in der Welt, ist Gemeinschaft, was verloren gegangen ist, was es dringend braucht, ist, dass wir ein Gefühl von Gemeinschaft wiederfinden. Architektur könnte, so wie viele andere Disziplinen, Wirtschaftswissenschaft, Psychotherapie, Bewusstseinforschung etc…, darauf hinweisen, den Weg dafür bahnen, die Strukturen dafür schaffen. Oder sie kann dem entgegenwirken, je nachdem, aus welchem Bewusstseinsraum sie operiert, wird sie das eine oder andere tun.
Literaturverzeichnis
Unsere psycholytische Arbeit wurde mehrmals wissenschaftlich beforscht. Die Ergebnisse können sich sehen lassen.
Ernst Benz
Halluzinogen-unterstützte Psychotherapie
Erhebung bei der Schweizerischen Ärztegesellschaft für Psycholytische Psychotherapie
Universität Zürich, Dissertation, Prof. Dr. med. C. Scharfetter, Zürich 1989
Peter Gasser
Die psycholytische Psychotherapie aus der Sicht der Patienten
Eine katamnestische Erhebung
Kantonale Psychiatrische Klinik Solothurn, Juli 1994
Roland Abegglen
Psycholytische Psychotherapie
Katamnestische Auswertung von Psycholyseprotokollen und Fragebogen von Ausbildungskandidaten mit Bezugnahme zu Ergebnissen aus der klinischen Literatur
Universität Zürich, Lizenziatsarbeit, Professor Dr. med. Daniel Hell und Dr. H.-M. Zöllner, Juni 1996
Florian Gastell
Bewusstseinsverändernde Substanzen als Hilfsmittel in der Psychotherapie
Gespräche mit Teilnehmenden einer psycholytischen Gruppentherapie
Universität Hamburg, Diplomarbeit Psychologie, Dr. Dorothee Wienand-Kranz und Prof. Dr. Inghard Langer, September 2005
Robert B. Laughlin
Abschied von der Weltformel
Die Neuerfindung der Physik
Piper Verlag, München 2007
Gerald Hüther
Biologie der Angst: Wie aus Stress Gefühle werden
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1997
Gerald Hüther
Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001
Gerald Hüther
Die Evolution der Liebe
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999
Samuel Widmer
Ins Herz der Dinge lauschen: Vom Erwachen der Liebe/ Über MDMA und LSD: Die unerwünschte Psychotherapie; Nachtschatten-Verlag, Solothurn 1989, 6. Auflage 2005
Samuel Widmer
Im Irrgarten der Lust: Abschied von der Abhängigkeit/ Die Geburt der Freude: Eine Liebesgeschichte; Editions Heuwinkel 1992, 2. Auflage 1997
Samuel Widmer
Stell dir vor, du wärst ein Stück Natur: Von der Lust am Verbotenen/ Humorvolle Betrachtungen eines Psychotherapeuten: Ein Buch für Männer, welches auch Frauen lesen dürfen, Band II; Editions Heuwinkel 1995
Samuel Widmer
Essenz schauen: Vom Ruhen im Urgrund des Seins/ Die Spiritualität beginnt im Becken: Ein Buch über Freundschaft und Esoterik; Basic Editions 1998
Samuel Widmer
Vom Allerinnersten; Basic Editions 2005
Mai 2008 Dr.med. P. Samuel Widmer Nicolet
Psychiatrie & Psychotherapie FMH
Hof zur Kirschblüte
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Öffentlicher Vortrag für Frankfurt „Die Halle“, April 2007
Wenn wir heute hier zusammenkommen, um über Gemeinschaft nachzudenken, macht dies nur Sinn, wenn wir dies zusammen tun. Wirklich zusammen, in einem Geist der Einheit. Ich weiss nicht, ob Sie dies kennen, wirklich gemeinsam, als Gruppe zu denken. Es beinhaltet, alle Vorurteile, alle Meinungen, alle Überzeugungen, alles Eigene auf die Seite setzen und nochmals neu und gemeinsam auf alles schauen zu können. Und dann aus diesem gemeinsamen Sehen eine gemeinsame Handlung fliessen zu lassen, alles zu tun, was unter den jeweils gegebenen Umständen das Intelligenteste und für alle das Beste ist. Wenn die Menschen sich auf diese Weise zusammensetzen und die grossen und kleinen Probleme der Menschheit betrachten würden, wären sie bald gelöst, nicht wahr? Aber wir verstehen uns nicht darauf, zusammen zu denken, wir verstehen uns nicht darauf, einander zuzuhören, alles und alle unvoreingenommen zu berücksichtigen. Wir verstehen uns nicht darauf, uns leer zu machen von allen Vorurteilen, wenn wir zusammen reden, wenn wir uns zusammen einer Schwierigkeit, einem Anliegen zuwenden. Wenn wir damit beginnen, ist Gemeinschaft von Anfang an gegeben.
Gemeinsam denken führt zu Gemeinschaft. Im gemeinsamen Denken löst sich aller Konflikt auf und es entsteht eine neue Gesellschaft, direkt und unmittelbar auf der Grundlage wirklichen Bezogenseins, wirklicher Beziehung. Darum, wenn wir nun über Gemeinschaft nachdenken, wollen wir dies zusammen tun, indem wir einander wirklich zuhören, indem wir alles Wissen, alle Erfahrung, alles Eigene beiseite lassen, indem wir nicht nur an uns, an unser Eigenes, unser Persönliches denken, nicht nur an unsere Familie, unseren Clan, unseren Stamm, unsere Nation, sondern global, alle einbeziehend, gemeinsam. Indem wir ganz zusammenkommen in einer gemeinsamen Bewegung des Denkens und den Egoismus hinter uns lassen.
Denn, wenn wir uns nicht darauf einlassen, macht die ganze Übung, dass wir hier zusammenkommen, keinen Sinn.
Gemeinschaft gibt es kaum in unserer Welt. Die meisten Menschen fristen ihr Leben in mehr oder weniger grosser Isolation und Fragmentation. Andererseits liegt in Gemeinschaft die Rettung der Welt, durch Gemeinschaft wird sie kommen, wenn sie überhaupt kommen wird. Das, was wir ganz dringend brauchen, global genauso wie regional, ist, dass der Geist von Gemeinschaft, der Geist der Liebe unter den Menschen wiedergefunden wird.
Mit diesem Widerspruch leben wir heute. Und er zeigt sich und gipfelt in einem auf den ersten Blick höchst eigenartigen Phänomen, mit dem wir konfrontiert werden, sobald wir uns mit Gemeinschaft ernsthaft zu beschäftigen beginnen.
Einerseits ist es eine offensichtliche Wahrheit, die jeder auch nur ein bisschen denkende und verantwortungsbewusste Mensch erkennen kann, dass es dringend ein Erwachen bezüglich Gemeinschaft braucht in der Welt – es fühlen es nämlich auch alle irgendwie – und dass wir andererseits sofort Misstrauen ernten, wenn wir damit anfangen. Alle denken gleich an Sekte, an Ausgenutztwerden, an fatale Abhängigkeit und so weiter, wenn man dieses Thema aufgreift. Das schafft die unmögliche Situation, dass sich zunehmend viele nach Gemeinschaft sehnen, sich aber kaum jemand getraut, sich dafür einzusetzen. Alle versuchen cool und hyperindividualistisch zu sein, weil man damit heute „in“ und angepasst ist; niemand will sich die Finger verbrennen.
Oder noch präziser: Alle scheinen sich nach Liebe zu sehnen, nichts anderes ist das Thema Nummer eins der meisten Menschen: die Suche nach dem Geliebtwerden. Aber sobald irgendwo die Liebe aufleuchtet, sobald sie irgendwo tatsächlich gelebt wird, löst dies keine Begeisterungsstürme, sondern Argwohn und Kritik und im schlimmeren Fall Verfolgung aus.
Liebe, so hat es Krishnamurti irgendwann definiert, ist dieses ausserordentliche Gefühl der Zuneigung, das nichts zurückverlangt. Und Gemeinschaft ist somit diese Art von Liebe, von Mitfühlen, gelebt in einem Feld, letztlich im Feld der ganzen Menschheit. Liebe, das beinhaltet ein Sorgen füreinander, Gerechtigkeit, einen Blick fürs Ganze, ein Schauen, dass es allen gut geht, ein Für- und Miteinander, nicht wahr? Es wäre eine völlig neue Geschichte!
Ist es nicht tragisch, dass Liebe und Gemeinschaft sich unter den Menschen bisher nie planetar ausgebreitet haben? Dass sie heute in der Menschheit kaum noch anzutreffen sind? Diesen Fakten müssen wir uns als Erstes stellen, wenn wir dieses einzig Wesentliche wieder finden oder eigentlich erstmals finden wollen. Und auch den Gefühlen, die damit einhergehen, dass wir nämlich völlig verlassen in der Welt stehen werden, verlacht, gemieden, verfolgt, wenn wir uns für Gemeinschaft wirklich einsetzen. Im Stich gelassen wie die Liebe. Was für ein eigenartiges Paradox! Denn die Liebe ist zuerst nicht dieses Wunderbare, wonach wir uns alle sehnen, nicht das Geliebtwerden, sondern das Im-Stich-Gelassene, das, was niemand will, das, was nirgends Platz hat, das, was sich in der Welt nirgends durchsetzen kann. Wenn ich Gemeinschaft will, wenn ich die Liebe will, muss ich sie sein, und das heisst zuerst, dieses Verstossene zu sein, dieses Unwillkommene. Die meisten Menschen lieben nur das Geliebtwerden. Sie möchten, dass ihnen andere dieses ausserordentliche Gefühl der Zuneigung, das nichts zurückverlangt, entgegenbringen. Sie sind wie Kinder. Sie wollen nicht erwachsen werden. Was es aber braucht für Gemeinschaft sind erwachsene Menschen, Menschen, die bereit sind, die Liebe zu verantworten, sie zu sein, ihr Kreuz zu tragen, die selbst willens sind, anderen – und schliesslich vorbehaltlos allen – dieses ausserordentliche Gefühl der Zuneigung, das nichts zurückverlangt, entgegenzubringen. Der Dunkelheit kann man nicht mit Dunkelheit begegnen, wenn man sie erhellen will. Man muss den Mut finden, das Licht zu sein.
Liebe und Gemeinschaft würden erblühen auf unserem ganzen Planeten; wenn das geschehen würde, es wäre eine völlig neue Geschichte, etwas, was noch nie, noch nie bewusst verantwortet dagewesen ist, ein Paradies, wie wir es uns gar nicht vorstellen können. Und dies, obwohl unser Schöpfer uns immer schon in dieser Weise, als einen Planeten erblühend in Liebe und Gemeinschaft gedacht hat, wie es einmal jemand ausdrückte.
Ist es nicht tragisch, dass es uns einfach nicht gelingen will?
Warum haben wir so viel Angst vor der Liebe, dass wir sie misstrauisch beäugen, wo immer sie sich zeigt? So viel Angst vor dem Einssein im Gemeinsamen, vor der Einigkeit, dass wir Gemeinschaft lieber als Sekte diffamieren, wenn sie irgendwo zu entstehen beginnt? Gemeinschaft, wirkliche Gemeinschaft wäre ein Ein-Parteien-System, ist euch das klar? Wer würde das schon wollen? Das riecht doch nach Absolutismus, nach Unterwerfung, nach Dogmatismus, nach Diktatur, nach dem dritten Reich gar. Ein Ein-Parteien-System natürlich nicht im Sinne der Unterdrückung eines totalitären Staates, sondern im Sinne eines Konsenses in der Liebe. Gemeinsam denken! Wirklich gemeinsam, bis Einsicht gefunden ist, Einsicht ins Richtige und Notwendige. Nicht Demokratie, nicht diese heute übliche und als fortschrittlich geltende Diktatur der Mehrheit und damit oft der Beschränktheit und Dummheit, sondern Gemeinschaft, Konsens in allen Fragen.
Müsste man sich der Liebe vielleicht tatsächlich unterwerfen, müsste man anerkennen, dass Gemeinschaft eigentlich zwingend ist, dass das Schicksal uns im Grunde genommen keine Wahl lässt, dass das Leben selbst, genauso wie der Tod, keinen Widerspruch duldet? Kann Gemeinschaft sich vielleicht nur unter dieser Voraussetzung erfüllen? Haben wir Angst vor dieser Absolutheit? Oder vor der totalen Abhängigkeit darin? Sind wir voller Abwehr gegen das Missbrauchtwerden, das Böse, dem wir darin die Türe öffnen könnten? Und schützen uns dagegen, weil uns allen solche Erfahrungen tatsächlich aus Urvergangenheit in den Knochen sitzen, weil wir sie nie aufgearbeitet haben, sie nie und nimmer wieder erleben möchten und folglich völlig neurotisch sind? Denn den Missbrauch gab und gibt es wirklich, gab es immer. Die Liebe muss immer damit rechnen, ausgenutzt und missbraucht zu werden.
Oder sind wir einfach egoistisch? Faul und bequem, so dass wir lieber andere für uns arbeiten lassen? Setzt sich deswegen immer wieder eine herrschende Klasse durch, die die anderen ausbeutet? Wollen wir nicht teilen, nicht tragen, nicht aufgehen in einem Gemeinsamen? Denn Gemeinschaft wird uns auffressen, wenn wir uns auf sie einlassen. Sie ist ein Mythos, der uns verschlingt, oder nicht?
Und ist das nicht eigentlich ein Gleiches, unsere Angst vor dem Missbrauchtwerden und unser Egoismus? Kommt die Selbstsucht nicht genau aus dieser Angst, zu kurz zu kommen, aus einem übertriebenen Sicherheitsdenken, weil man der Existenz nicht mehr traut? Weil man nicht mehr fühlen kann, fühlen will, dass das Leben es grundsätzlich gut mit uns meint, dass wir im Grunde genommen bestens aufgehoben sind im Ganzen und im Universum?
So tragisch, dass uns nicht gelingen will, wozu uns unser Schöpfer gedacht hat, was eigentlich unser Erbe ist, nicht wahr? Gemeinsam, zusammen zu erblühen nämlich, in einem reichen, fröhlichen Für- und Miteinander, die ganze Menschheit in Gemeinschaft?
Oder liegt es vielleicht daran, dass wir einfach noch nicht reif genug sind, dass der Evolutionsprozess, der uns zu diesem Ziel tragen will, einfach noch zu wenig fortgeschritten ist?
Offensichtlich sind wir unreif! Dass wir Kinder bleiben, die nur geliebt werden, und nicht Erwachsene, die selber lieben, sein wollen, spricht davon. Dass wir egoistisch sind, dass wir Angst haben vor der Liebe, vor dem Missbrauchtwerden, all das sind tatsächlich Zeichen unserer Unreife. Aber was erklärt das? Werden diese Fakten, wenn wir so argumentieren, nicht einfach zur Ausrede, endlich den nächsten Schritt zu tun? Dem weichen wir doch so gerne aus, im Grossen wie im Kleinen. Geben uns gerne als fleissig Suchende und Lernende aus, nur um das Ankommen, das definitiv in der Verantwortung Stehen zu vermeiden.
Wären wir denn nicht fähig, weiterzugehen, die Armut zum Beispiel zu beenden in der Welt, den Krieg, die Zerstörung der Umwelt, wären wir nicht fähig dazu? Wer soll denn die Evolution verantworten, vorantreiben, wenn nicht wir? Die Zeit der Kinderschuhe ist für uns Menschen vorbei. Der liebe Gott ist seit Nietzsche tot. Die Engel sind gegangen. Nun müssen wir uns selber tragen. Alles wartet auf uns, auf unser Erwachsenwerden. Die ganze Erde liegt bereits in Agonie, und wir raffen uns noch immer nicht dazu auf.
Können wir nicht? Wollen wir nicht? Oder ist es gar zu spät?
Als wir vor mehr als einem Jahr ins Auge gefasst haben, hier und heute einen Vortrag zu halten, haben wir, das heisst Basia, die unser Treffen hier organisiert hat, zuerst an das Thema Geld gedacht. Später sind wir wieder davon abgekommen, und das Thema Gemeinschaft hat sich in den Vordergrund gedrängt. Aber ist es nicht dasselbe?
Ich weiss nicht, ob ihr euch mal gründlich mit unserem Geldsystem beschäftig habt. Die meisten Menschen brauchen Geld, haben zu wenig Geld, lechzen nach Geld, aber sie fragen sich nie, was Geld eigentlich ist, wie es funktioniert, woher es kommt, wer es geschaffen hat. Es ist ein Tabu. Unser Geldsystem zeigt sehr deutlich unsere Probleme mit dem Thema Gemeinschaft und vor allem auch Weltgemeinschaft. Es ist ein Ausdruck unserer Selbstsucht, unserer Angst und der Gier, die daraus kommt, unseres Ego, das unsere allen gemeinsame Gottheit, unseres Egoismus, der die uns allen gemeinsame Religion ist, auf die wir uns in unserem Neurotischsein verschworen haben. Unser Geldsystem ist ein Ausdruck totaler Ungerechtigkeit. Es begünstigt durch die Möglichkeiten des Zinsennehmens und des Spekulierens damit einen kleinen Teil der Menschen und der Völker. Es treibt die halbe Menschheit in den Hunger, die halbe Erde in die Verarmung und Zerstörung, ist verantwortlich für unendlich viel Leid und Konflikt, für endlose Kriege.
Wenn wir eine Maschine erfunden hätten, die derart ineffizient funktioniert, wir hätten sie längst eliminiert und eine neue geschaffen. Warum nicht mit dem Geldsystem?
Warum schaffen wir nicht ein Geld von gleich bleibendem Wert, das überall auf der Welt das gleiche, das nicht verspekulierbar ist und keine Zinsen abwirft? Es würde zu weit führen, euch die Hintergründe zu diesen Gedanken zu erläutern. Es ist ein zu komplexes Gebiet, obwohl es, sobald man es einmal verstanden hat, wieder ganz einfach wird. Wenn es euch interessiert, ich habe alles dazu in einem Buch zusammengefasst. Oder auf CDs kann man es auch haben.
Für hier zum Thema Gemeinschaft nur so viel: Jeder, der diese Angelegenheit eingehend und ehrlich betrachtet, wird erkennen, dass es uns ganz leicht wäre, unser Geldsystem grundlegend zu reformieren, sofern wir dies wollten, und dass dieser Schritt allein den meisten Kriegen ein Ende machen, die Armut und den Hunger beenden und viele andere Probleme lösen helfen würde. Und er würde auch die Grundlagen schaffen für eine andere Vision der Gerechtigkeit, die in Deutschland gegenwärtig gerade breit diskutiert wird: das Grundeinkommen. Ein Grundeinkommen für jeden Menschen, weltweit, ob gross oder klein. Das Paradies, materiell ausgedrückt.
Wann werden wir dies alles endlich einsehen und in Angriff nehmen? Wann werden wir vor allem die inneren Grundlagen dafür schaffen? Denn ohne dies wird für immer alles beim Alten bleiben, ohne innere Veränderung werden wir weiter ein Äusseres als Gesellschaft aufrechterhalten, das ein Ausdruck unserer inneren Korruption ist.
Was braucht es nun für wirkliche Gemeinschaft? Was wird diese Liebe, die nichts zurückverlangt, in uns zum Erwachen bringen? Was wird uns reif machen, so dass wir gemeinschaftsfähig werden?
Sehen Sie, ich komme, um Sie auf eine Möglichkeit hinzuweisen, die noch nie wirklich gelebt wurde. Sie war zwar immer schon Einzelnen bekannt, aber im grossen Stil wurde sie nie ausprobiert:
Sein mit dem, was ist. Ganz einfach.
Es gibt diesen wundersamen Weg, diesen Weg nach innen, den Weg der Selbsterkenntnis, auf dem man sich allen Fakten des Innern, den Gefühlen und Gedanken ehrlich stellt, bis man schliesslich durchbricht zu einer mystischen Schau.
Sobald du dich auf diesen Weg machst, wirst du zuerst Wut, Angst und Widerstand begegnen, den abwehrenden Gefühlen, welche unser innerstes Geheimnis vor dir verschliessen. Du wirst um eine Auseinandersetzung damit, um ein Ringen damit nicht herumkommen. Du wirst lernen, ihnen stillzuhalten, sie nicht auszuagieren, sie zu verstehen und schliesslich zu integrieren. Das wird dir das Tor öffnen zu einer tiefer liegenden Schicht von reiferen, feineren, differenzierteren Gefühlen wie Schmerz, Trauer, Einsamkeit, Ohnmacht. Da sie durch die oberflächlichen, abwehrenden Haltungen niedergehalten werden, nennen wir sie die abgewehrten Gefühle. Sie liegen dem, was du wirklich im Innersten bist, schon viel näher. Sie führen dich in dein Persönlichstes und bilden gleichzeitig eine Öffnung, ein Tor ins Unpersönliche hinein. Traurigkeit, Schmerz, so persönlich er auch immer sein mag, ist nie getrennt vom Schmerz aller Menschen, vom Leiden der ganzen Menschheit. Eine Ahnung der ursprünglichen und allem zugrunde liegenden Einheit, die sich schliesslich auf deiner Reise in dir erschliessen wird, beginnt dich zu durchfluten.
Vorerst erwartet dich aber wiederum eine intensive Auseinandersetzung mit all diesen abgewehrten und ungeliebten Zuständen, die wir in der Tiefe kennen. Ausgeschlossensein, Hilflosigkeit, Im-Stich-gelassen-Sein und weitere feine Differenzierungen der Einsamkeit warten darauf, dass du sie auslotest und kennen lernst. Dein Bewusstsein erweitert sich enorm während dieses Prozesses, deine innere Reifung macht riesige Fortschritte. Es ist noch nicht das eigentliche Erwachen, das hier auf dich wartet, aber bestimmt das Erwachsenwerden. Du wächst in Verantwortung und Mitgefühl für alle Menschen und Wesen hinein, dadurch dass du den Schmerz des gemeinsamen Herzens anerkennst, austrägst, integrierst und transformierst. Gemeinschaft beginnt dich zu interessieren, du wirst gemeinschaftsfähig.
Ausser tiefer Einsicht ist auf diesem Weg aber noch nicht viel gewonnen. Wenn du hier stehen bleiben würdest, wie es vielen Suchern geschieht, würdest du die Früchte deiner Arbeit nie ernten können. Du würdest stecken bleiben in einem vagen Gefühl von Sinnlosigkeit und letztlich versinken in einer depressiven Schau der Wirklichkeit. Die Ekstase des Ankommens würdest du nie erleben. Erst wenn du lernst, auch mit diesen grossen Gefühlen, diesen abgewehrten Zuständen in uns vollkommen still zu werden, wird sich das Tor, das sich in ihnen verbirgt, öffnen, und Glück und Freude werden zu dir kommen.
Sein mit dem, was ist. Das ist der erste Schritt auf dem Weg und auch der letzte. Keine Reaktion, kein Anhaften, keine Identifikation, kein Besitzen. Erst wenn diese vollkommene Stille in dir errichtet ist, die daraus kommt, dass du von nichts mehr weg willst, was ist, dich ergibst in das, was ist, einverstanden bist mit dem, was sich immer innen und aussen zeigt, bist du angekommen. Erst an diesem Punkt kommt wirklich Erleuchtung. Du beginnst zu erkennen, dass innen und aussen dasselbe ist, dass du in einem unendlich sich entfaltenden Prozess stehst, selbst ein unendlich sich entfaltender Prozess bist, der ungeteilt ist, der keine Trennung kennt, in dem alle Dualität überwunden ist und der Einheit ist. Die Wahrnehmung dieser Einheit ist reine Freude. Die grösste Freude und Sinnhaftigkeit, die uns möglich ist. Das Allerinnerste zeigt sich dir mit seinen tausend Facetten, mit seinen erhabenen Gefühlen und Zuständen, durch die du nun unendlich gleiten darfst. Friede, Liebe und Reinheit erfüllen dich, Weisheit, Gelassenheit und Mitgefühl begleiten dich. Es ist das Ende des Ich, die Auflösung der Ichbezogenheit. Daraus erhebt sich Schönheit, die Schönheit, die sich zeigt, wenn das Ich dahinschwindet.
Ich bin gekommen, um dir von dieser Möglichkeit zu erzählen, die wir Menschen haben, die bisher noch wenig genutzt wurde. Sein mit dem, was ist. Du weisst, wie man das nennt. Man nennt es lieben. Es beinhaltet die Qualitäten des Allerinnersten wie Liebe, Geduld und Klarheit. Man beginnt mit Liebe, mit dem Sein mit dem, was ist, und wächst dann darin.
Hast du die Möglichkeit zu lieben schon einmal in Betracht gezogen? Sie löst als einzige Möglichkeit all deine Probleme und alle Probleme der Menschen überhaupt. Sie schafft Gemeinschaft. Es ist der Zustand der Liebe, einmal durch den Prozess der Selbsterkenntnis im Einzelnen errichtet, der Gemeinschaft ganz von selbst hervorbringt. Versuche es! Es ist ganz leicht! Es ist die Liebe, der es eine Selbstverständlichkeit ist, zusammen zu denken, wirklich gemeinsam zu denken. Selbsterkenntnis ist es, welche die Liebe bringt, Selbsterkenntnis, welche uns gemeinschaftsfähig macht.
Erleuchtung ist ein Heimgefunden-Haben in die weiseste Haltung allem gegenüber, die es für uns Menschen gibt: Sie beinhaltet ein Sehen von dem, was ist. Alles, in alle Richtungen ist wahrgenommen, es gibt kein Beschönigen, kein Verdrängen, kein Unterdrücken und Kontrollieren darin. Es ist ein Stillsein mit allem. Ein Einverstandensein. Ein reines Sehen, in dem aber keine Spaltung ist zwischen dem Schauenden und dem Geschauten. In dem aber auch keine Verwicklung mit dem Geschauten entsteht, keine Verstrickung, kein Einmischen, keine Reaktion. Es ist der Zustand, den wir Gott zuschreiben, es ist ein Ruhen im Auge Gottes: Alles sehen und zuerst einmal nichts tun. Es ist der Zustand eines Geistes in voll erwachter, ausgereifter Liebe. Wenn alle Menschen in dieser Haltung wären, würde sich, wenn alle Menschen einmal diese Haltung gefunden haben werden, wird sich alles zum Wunderbaren hin verändern. Das Wunderbare wird sich dann ganz von selbst herausschälen. Das Wunder kann dann zu uns Menschen zurückkommen. Das ursprüngliche, unschuldige Paradies (Wunder), das uns eigentlich ständig umgibt, ist verloren, es lässt sich nur durch Bewusstwerdung zurückholen. Der Mensch muss es verantworten, indem er die Bedingungen dafür bewusst erzeugt. Nur dann kann es zurückkommen, das Paradies, das Wunder. Und das Wunder ist Gemeinschaft. Geboren aus dem Wunder der Liebe. Gemeinschaft lässt sich nicht organisieren. Sie muss von innen, als Zustand, aus dem Zusammenwirken der Einzelnen entstehen. Daraus entstehen die Strukturen im Äusseren, die dann notwendig sind, fast wie von selbst. Man anerkennt, was ist, und geht dann angemessen damit um. Keine Reaktion, stattdessen der richtige Umgang mit allem. Alle sehen dasselbe, wollen dasselbe, sind sich einig, weil sie dasselbe, nämlich Wirklichkeit sehen.
Was braucht es also für wirkliche Gemeinschaft?
Scott Peck, ein amerikanischer Psychiater, kürzlich verstorben, hat dies wunderbar in einem seiner Bücher zusammengetragen.
Das Wichtigste heute ist, dass die Menschen wieder zu wirklicher Gemeinschaft zurückfinden. Nichts anderes ist im Moment wichtiger. Sonst sind wir verloren. Die heutigen Gemeinwesen irgendwelcher Art sind in der Regel völlig entleert bezüglich des Gemeinschaftsgeistes. Diesen Geist müssen wir wiederfinden. Wer das Aufkommen wirklicher Gemeinschaft einmal erlebt hat, weiss, wie magisch und heilend dieser Geist sein kann und wie es sich überhaupt anfühlt, wenn alles plötzlich dabei ins Lot fällt. Wir Menschen brauchen einander. Weltfrieden und globale Gemeinschaft werden aber erst entstehen können, wenn die Menschen etwas über die grundsätzlichen Gesetze von Gemeinschaft lernen werden. Und die Voraussetzungen dafür schafft Selbsterkenntnis, wie ich sie kurz umrissen habe. Die Regeln des gesellschaftlichen Spiels, so wie es heute gespielt wird, müssen dringend geändert werden – allem vorab, wie erwähnt, das allgemeine Geldsystem –, so dass wir wieder heil und ganz werden können. Dies, heil und ganz zu werden, ist ein spiritueller Prozess, ein spirituelles Erwachen: der nächste Schritt der Evolution für uns Menschen, das Erwachen für das gemeinsame Herz. Dieses Erwachen kommt im Prozess der Selbsterkenntnis. Die Menschheit ist heute noch nicht reif für Gemeinschaft. Wenn sie es wäre, wäre Gemeinschaft das Gegebene. Wenn man Gemeinschaft zu organisieren versucht, endet man regelmässig wieder in den alten Mustern. Man erfindet das Elend neu. Darum müssen wir mit uns selbst beginnen, mit Selbsterkenntnis, mit einem persönlichen Prozess. Wenn die Reife, welche daraus kommt, in jedem Einzelnen einmal geboren ist, wird Gemeinschaft ganz von selbst da sein.
Trotzdem ist es gut, auch im Äusseren immer wieder Schritte zu tun, es immer wieder gemeinsam zu probieren. Denn auch, wenn man immer wieder daran scheitern wird, wird durch dieses Scheitern doch der notwendige Prozess der Selbsterkenntnis immer wieder angeregt und vorangetrieben.
Zum Schluss möchte ich euch das Jahrtausendlied des letzten Jahrhunderts spielen. Imagine von John Lennon. Es fasst das Gesagte wunderbar zusammen. Ich habe euch den Text ins Deutsche übertragen. Und danach wird euch Danièle noch etwas über die Praxis der Gemeinschaft erzählen.
Imagine! Stell dir vor!
Stell dir vor, es gibt keinen Himmel
Es ist leicht, wenn du es versuchst
Keine Hölle unter uns
Und über uns nur blaue Luft
Stell dir vor, alle Menschen
Leben für das Jetzt
Stell dir vor, es gibt keine Grenzen
Es ist nicht schwierig, dies zu tun
Nichts, wofür man töten könnte oder sterben
Und auch keine Religion
Stell dir vor, alle Menschen
Fristen ihr Leben in Frieden…
Du magst sagen, ich sei ein Träumer
Aber ich bin nicht der Einzige
Ich hoffe, der Tag kommt, da du dich uns anschliessen wirst
Und die Welt wird eine einige sein
Stell dir vor, es gibt keinen Besitz
Ich frage mich, ob du es kannst
Keine Notwendigkeit für Gier oder Hunger
Eine einzige Bruderschaft der Menschen
Stell dir vor, alle Leute
Teilen sich die ganze Welt…
Du wirst sagen, ich sei ein Träumer
Aber ich bin nicht der Einzige
Ich hoffe, eines Tages wirst du dich uns anschliessen
Und die Welt wird leben als eine einige Welt
(Hier Lied Imagine spielen)

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